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Alte Jungfer programmiert Weltuntergang

Die Physiker


19.06.2010

Die Physiker

 

Michal Sykora inszeniert Friedrich Dürrenmatts schwarze Komödie "Die Physiker" als TV-Krimi der 60er Jahre und schlägt damit die Zuschauer an der Trebgaster Naturbühne in den Bann.

 

Eine Luxus-Sanatorium sieht heutzutage anders aus: ein paar Fenster mit schäbiger Gardine im Hintergrund, herumstehende Cocktailstühle, eine asymmetrischer Esstisch. Mitten drin eine frei schwingende Stehlampe. Die Nierentisch-Ära lässt grüßen. Der Zuschauer wird zurückversetzt in die 60er Jahre, als Siegfried Lowitz als Fernsehkommissar der gespaltenen Nation ("Der Alte") Mordfälle wie am Fließband aufklärte.

Regisseur Michal Sykora belässt die Story von den drei Physikern, die sich freiwillig ins Irrenhaus zurückziehen, um ihr gefährliches Wissen der Menschheit vorzuenthalten, ihre geliebten Krankenschwestern opfern bis sie selbst Opfer einer weltmachtsüchtigen Irrenärztin werden, in ihrer Entstehungszeit - der Zeit des kalten Krieges, die leicht zu einem atomaren Schlagabtausch hätte führen können.
Über eine Übertragbarkeit auf die heutige Super-GAU-Szenarien - von Israel, Pakistan, Nordkorea bis hin zum Atomterrorismus - muss der Zuschauer selbst nachdenken.

Sykora gelingt eine runde Inszenierung, die geschickt die Spielmöglichkeiten der von Friedrich Dürrenmatt angelegten Kriminalkomödie nutzt: cool platzierter Wortwitz und jede Menge Suspense-Effekte. Nach der Pause gewinnt das Stück an Tiefe und Eindringlichkeit, wenn die Physiker ihr Selbstverständnis als Wissenschaftler auf den Prüfstand stellen und sich schließlich zu einer lebenslangen Selbstkasernierung entschließen.

Die Naturbühne Trebgast findet zu einer respektablen Ensemble-Leistung. Die Hauptrollen sind vorzüglich besetzt. An erster Stelle ist hier Georgia Lauterbach zu nennen, der es gelingt, die krankhafte Psychologie der Irrenärztin Dr. Mathilde von Zahnd sichtbar zu machen. Man nimmt ihr den Machtrausch ab, die Welt in den Untergang zu jagen. Sie muss es erdulden, in einer Vollmaske zur Vogelscheuche in Weiß zu werden: Riesen Buckel, Blondperücke mit wild verschlungenem Dutt, bedrohlich schwarze Intellektuellen-Brille. Dazu unter dem Ärztekittel ein scheußlicher Hänger und Gesundheitsstrümpfe, die ihr mit Sicherheit garantieren, ewige Jungfrau zu bleiben. Auch die drei Physiker sind in besten Händen: Gerd Kammerer spielt den genialen Physiker Möbius gänzlich undämonisch, warm im Ton. Mit seinem braunmelierten Rollkragenpulli und den Hostenträgern darüber ist er der Bill Gates der 60-er Jahre. Heinz Petri und Rainer Dohlus geben ihren Rollen als Newton bzw. Einstein ein klares Profil und überzeugen durch ihre Sprechtechnik. Bei den kleineren Rollen sticht vor allem Stefan Masel hervor, der dem guten alten Siegfried Lowitz nicht nachsteht.


Quelle: inFranken.de / Bayerische Rundschau 19.06.2010

 
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