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Eine Verführung durch Licht


11.06.2012

Trebgast - Was ist ein Kopfballtreffer von Gomez gegen Amors Pfeil? Was der wüste Boanteng gegen Puck? König Fußball gegen den Feenkönig Oberon? Ein Nichts. Shakespeares "Sommernachtstraum" jedenfalls hat auf der Naturbühne das von der Fußballnation erträumte "Sommermärchen" getoppt: erstmals ein ausverkauftes Haus bei der letzen Premiere der Spielzeit. Und die Fußballabstinenzler haben es gewiss nicht bereut. Denn das junge Trebgaster Ensemble unter der Regie von Michal Sykora bietet einen heiteren "Sommernachtstraum" mit zauberhaften Tanz-Choreografien und dunkel-exotischen Klangwelten.

Lichtmagier am Werk

Dazu eine Verführung durch Licht: Die beiden Techniker Rainer Benedikt und Birgit Haßfürther erweisen sich als Lichtmagier, die die Naturkulisse am Wehelitzer Hang wirklich nutzen: Sie lassen Baumstümpfe, Felsvorspünge und Farne in farbigem Licht erstrahlen. Überall funkeln Lichtpunkte wie Glühwürmchen: an der fantasievollen Königskrone Oberons, an Bändern und Girlanden oder in den transparenten Stoffen der Stegreifröcke von Elfen (Diana und Francesca Canola, Gabi Kranz, Kathrin Meier, Sabrina Schmitt, Susanne Handke).

Laterna Magica

Für einen weiteren optischen Reiz der Inszenierung muss man nicht eigens nach Prag reisen: die "Laterna-Magica"-Leinwand auf der Hauptbühne. Gezeigt werden vorher gefilmte Video-Sequenzen – zum Beispiel ein furioser Pferdeausritt in fränkischer Landschaft mit Hund –, aus denen die Akteure auf die Bühne heraustreten.

Das effektvolle Spiel mit der Farbe findet in der Kostümausstattung seine Fortsetzung – ein Chapeau für Wolfram Broeder. Die jugendlichen Paare Hermia–Lysander und Helena–Demetrius gehen in Weiß, das für ihre naive, ungezwungene Liebessuche steht, während der Handwerker-Haufen in bunten Kanalarbeiter-Overalls herumtölpelt.

Macho-Methoden

Doch die zauberische Schönheit von Licht, Farbe und Aussehen der Personen täuscht. Es ist eine doppelbödige Welt, die uns bei Shakespeare begegnet. Vieles ist Traumgespinst, bloße Illusion. Dass die Welt aus den Fugen ist, sieht man am Verhältnis der Geschlechter: Der Elfenkönig Oberon (Rainer Dohlus: auch in der Rolle von Theseus, dem Herzog von Athen, ein eher sanfter Macho) liefert sich ein Eifersuchtsdrama mit seiner Gattin Titania (Carolin Feulner). Um sie fügsam zu machen, demütigt er sie: Er verbannt sie auf die Nebenbühne und verpasst ihr durch Puck einen Zaubersaft, bei dem sie sich in einen "Esel" vergafft ("Komm, setz dich auf das Blumenbett mit mir: dein glattes, weiches Haupt schmück ich mit wilden Rosen. Und lass mich deine holde Wange kosen"). Theseus demonstriert der widerspenstigen Amazonenkönigin Hippolyta (Patricia Wagner: ihre Sprache poetisch wohllautend – und dialektfrei), wer Herr im Hause ist.

Gekonnte Clownereien

Die jungen Liebespaare sind die Opfer der Macht: Hermia (Eva-Maria Thoma) wird von ihrem Vater (Michael Vogler) erpresst, Demetrius (Philipp Gehringer) zu heiraten – statt Lysander (Michael Bähr), den sie liebt. Dadurch wird auch Helena (Sonja Welsch) ins Unglück gestoßen. Die Jungen bringen ihre schwierigen Verse recht ordentlich rüber und überzeugen – bei all den Turbulenzen um Verwechslung und Verzauberung, Versehen und Wiedererkennen – durch geschmackvolles Spiel. Die Mannsbilder rempeln und klammern, giften sich an und bleiben doch immer liebenswerte Typen.

Das falsche Spiel ist auch das große Thema der vier Mannen um den Pfiffikus Peter Squenz (Benedikt Lehmann: munter und sprachgewandt, ein Neuzugang, den man nicht mehr missen möchte), die zur Hochzeit von Theseus den Liebestod von "Pyramus und Thisbe" aufführen wollen. Jeder bekommt seinen Part auf einer Klorolle ausgehändigt. Und so schreiend komisch gehen sie an ihre Rollen auch heran und behängen sich mit grauenhaften Requisiten: der vorwitzige Weber Zettel (Markus Müller: quirlig vital), der sich für ein schauspielerische Allround-Talent hält und unsägliche Reime textet ("Der Sonne Stich zerschmettere dich auf ewiglich"). Der Schreiner Schnock (Michael Vogler), der als Löwe kräftig Urlaute ausstoßen darf, der Bälgenflicker Flaut (Daniel Ganzleben) – mit seinem Wuschelkopf eine ideale Thisbe. Und der Kesselflicker Schnauz (Doris Stein), der den unsterblichen Part der spaltbreit geöffneten "Wand" spielen darf. Ihr Nonsensspiel ist so gekonnt dilettantisch, dass man sich nicht satt genug sehen kann.

Puck als sexy Typ

Einer, der fast immer durch die Szenerie geistert und die Fäden zieht, ist Oberons Büttel Puck. David Reichstein – auch er eine Neuentdeckung für die Naturbühne – spielt ihn. Und er spielt ihn mit starker Ausstrahlung: ein Bodybuildung-Athlet, oben mit nichts und unten mit ein paar Fädchen. Einer, der elastisch umherspringt und auf meterhohe Baumstümpfe hüpft. Einer, der dazu angeraut singen kann und sexy auf der Tuba bläst. Was der Figur fehlt, ist ihre Schalkhaftigkeit, Schadenfreude nicht ausgeschlossen. Pucks Schlussappell mag man sich aber für diesmal gern anschließen: "Nun gut Nacht! – Doch haltet ein: Klatscht erst Beifall unserm Stück! Dann bringt Puck euch nichts als Glück."


Quelle: Bayerische Rundschau 11.06.2012

Autor: Wolfgang Schoberth 


 
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