

Triumph der Verführungskunst26.06.2011 Unter der Regie Michal Sykoras legt die Naturbühne einen einfallsreichen, intelligenten Faust hin mit starken Bildern und Choreografien. Die Hauptrollen sind vorzüglich besetzt, doch eine brilliert. Fast ausverkauftes Haus. Die Bühne ist wüst und leer - wie vor dem ersten Schöpfungstag: grobes Bretterrost als Spielfläche, rechts drei gestufte Blöcke, im Hintergrund eine schwarze Wand mit schmalem Durchlass in der Mitte. Kaum Licht. Es besteht kein Zweifel: Michal Sykora möchte jeden Schnörkel, jedes überflüssige Requisit von der Bühne verbannen. Reduktion aufs Elementare ist angesagt (Bühnenbild: André Putzmann). Denn es steht ein Experiment wie im Alchemisten-Labor an, bei dem es Sinn macht, die Grundgrößen zu begrenzen: das Versuchsobjekt heißt Faust. Die Frage lautet, ob es dem Teufel gelingt, den nach absoluter "Erkenntnis" strebenden Universalgelehrten von Gott abzuziehen und an sich zu binden. Das Experiment verläuft in einer in der Weltliteratur einzigartigen Mischung von Tragik und Komik. Witz und Ironie Die ironische Brechung des Ernsthaften wird schon im "Vorspiel auf dem Theater" sichtbar: Der Theaterdirektor mit Frack und Spitze (Georgia Lauterbach), der entrückte Dichter (Holger Dietrich) und die Lustige Person (Martin Besold) sind Karikaturen des Theaterbetriebs. Nicht weniger witzig der "Prolog im Himmel": Die Erzengel Raphael (Natascha Eckert), Gabriel (Anette Lachance) und Michael (Daniel Ganzleben) kreisen als putzige Engelchen umher. Die Stengerl-Flügel halten sie wie Gartenschirme. Ihre Huldigung der Schöpfung gilt einem Gott, der in der Szene zur Randfigur wird: Sein Perückenkopf lugt gerade noch über den Vorhang am hinteren Bühnenrand hervor. Auch die wenigen Requisiten, die bei der Faust-Mephisto-Handlung auf die Bühne kommen, sind mit Augenzwinkern konstruiert: Für den Gelehrten ein überdimensionales Stehpult auf Rädern, das nur über ein abklappbares Trittbrett zu ersteigen ist. Für Mephisto eine hochaufragende Holz-Silhouette, die die Geschlechtsmerkmale von Männlein und Weiblein überdeutlich abbildet (Bühnenbau: Dieter Krause; Ausstattung: Marion Eberhardt, Rudi Wagner). Einfallsreiche Arrangements Witzig und ideenreich ist Sykora bei vielen Szenen. Bei einigen bricht er aus den üblichen Standards aus. Das gilt weniger für Auerbachs Keller: die dumpfen, freudlos-klotzenden Studenten, denen beim Saufen so " ganz kannibalisch wohl wird, als wie fünfhundert Säuen" hat man schon öfters so gesehen. Deutlich besser der Osterspaziergang: Ein wunderbar choreografierter Schabernak, bei der der tschechische Regisseur Osterbrauchtum seiner Heimat auf die Naturbühne bringt: Buben mit fähnchengeschmückten Routen jagen die Mädchen über die Bühne und versuchen, sie unter die Röcke zu fitzeln. Zu szenischen Highlights geraten die "Hexenküche" und die "Walpurgisnacht": Im Buntlicht, Fackelschein und Nebelwabern dürfen leicht geschürzte Hexen und Transvestiten mit herunterhängen Brüsten sich in lasziven Rammeleien ergehen. Hineinarrangiert sind zirzensische Nummern der Akrobaten "Move" aus Bayreuth, die in hautengem Schwarz auftreten. Mörderische Titelrolle An der Anforderung, die Goethes Faust vor allem an die Hauptrollen stellt, sind schon viele Profis gescheitert. Mitunter kläglich. Gerd Kammerer mutet sich die mörderische Titelpartie als Amateur zu - und er schlägt sich bewundernswert: Das gigantische Textvolumen sitzt, er artikuliert die anspruchsvollen Verse vorzüglich. Was man ihm allerdings, vor allem bei seinem Eröffnungsmonolog im Studierzimmer, anspürt: dass er sich die Rolle über den Kopf angeeignet hat, ihm fehlt das Dämonische dieser Sturm-und-Drang-Figur. Nach seiner Verjüngung und der nachfolgenden Gretchen-Begegnung wächst die Glaubhaftigkeit: die Zerrissenheit Fausts zwischen Liebesglut und der teuflischer Verführung wird sehr transparent. Fausts Gesprächspartner Wagner wird gegen den Strich gebürstet: Der Famulus tritt an als ein Mensch, der die Lehrinhalte an ihrem Nutzen fürs Leben misst, ein Kerlchen mit Stock, Perücke und Kinnbärtchen. Christine Kammerer kann in der kleinen Rolle sprachlich glänzen. Auch der liebenswerte, herzlich naive Schüler (Martin Besold), der von Mephisto von der Theologie abgehalten und zum pralle Leben hingeführt wird, gerät zur witzigen Karikatur. Die heikle Partie des von Faust geschwängerten Gretchens hat Mona-Isabelle Peter übernommen: Weißes, mit Spitze gesäumtes Kleidchen, geflochtenes Haar - ein junges, zartes Ding voller naiver Gläubigkeit, das von Faust ins Unglück gestürzt wird. Man spürt der jungen Schauspielerin ihre Bühnenerfahrung an: Sie spielt so sicher wie empfindsam, kann das kurze Liebesglück glaubhaft ausspielen und überzieht in der Kerkerszene nicht. Auch Carolin Feulner ist in der Rolle der Kupplerin Marthe Schwerthlein gemäßigt mannstoll - obwohl sie natürlich in ihrem Garten schon kräftig an Mephisto ran geht. Star des Abends Der unangefochtene Star des Abends ist jedoch Sigurd Sundby, der als Mephisto triumphiert. Er ist unglaublich beweglich, kriecht, springt auf, schlängelt sich, wälzt sich im Dreck, ist körpersprachlich stets präsent. Mehr noch: Er spricht die anspruchsvollen Verse großartig, moduliert präzise. Es gelingt ihm, was in der Nachfolge von Gustaf Gründgens oft genug verfehlt wird: Er wird zum luziden Sprach-Verführer. Er bringt Goethes geniale Sprachkunst zum Klingen - und dies als gebürtiger Norweger, der Deutsch erst erlernen musste. Nach langer Theaterabstinenz aus beruflichen Gründen hat der Vollprofi Sundby zu einer großen Rolle gefunden. Der größten überhaupt in der deutschen Literatur.
Quelle: Bayerische Rundschau
|
| Naturbühne Trebgast e.V. | 95367 Trebgast | Am Wehelitzer Berg 15 | E-Mail: info@naturbuehne-trebgast.de | Impressum |
