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Von Philanthropen und Irren


22.06.2010

Trebgast - Arme und Beine streckt die Krankenschwester von sich, die bereits vor Vorstellungsbeginn leblos auf dem riesigen, schräg gestellten Tisch auf der Naturbühne Trebgast liegt. Kein Zweifel: Sie ist tot. Bestimmt ist sie erfroren oder hat sich eine Lungenentzündung geholt bei dem nass-kalten Regenwetter am Premierenfreitag der "Physiker". Aber nein: Mit rotem Klebeband sind ihre Umrisse markiert - es muss Mord gewesen sein.

Tatsächlich betreten auch sofort Inspektor Voss (Stefan Masel) und sein Team die Bühne, um den Tatort, ein Sanatorium für psychisch Kranke, zu untersuchen. Dabei ärgert ihn, dass er nichts tun kann: Obwohl der Mörder bekannt ist - es handelt sich um den Physiker Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält - kann er ihn nicht für seine Tat zur Verantwortung ziehen, weil er als verrückt gilt. Seinen beiden Physiker-Kollegen und Mitinsassen erging beziehungsweise ergeht es übrigens ebenso: Auch sie ermorde(te)n ihre Krankenschwestern, weil sie um ihre Geheimnisse fürchten müssen. Alle drei geben sich nur als Geisteskranke aus: Möbius (Dr. Gerd Kammerer), um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor falschen Händen zu schützen, die beiden anderen (Heinz Petri als "Newton" und Rainer Dohlus als "Einstein") als Vertreter des amerikanischen und russischen Geheimdienstes, um an Möbius" Ergebnisse zu gelangen.

Grotesk legt Friedrich Dürrenmatt seine Tragikomödie an, und genau dieses Stilmittel arbeitet auch Regisseur Michal Sykora heraus. Dabei nimmt er sich viel Zeit, inszeniert auch und vor allem die Pausen zwischen den Wörtern. Im Laufe des Abends gewinnen die Dialoge immer mehr an Intensität, bis Anstalts-Leiterin Dr. Mathilde von Zahnd (buckelig, und beeindruckend von der Philanthropin zur Irren sich wandelnd) in ihrem Enthüllungsmonolog bekannt gibt, dass sie Möbius' Manuskripte kopiert hat und im Auftrag König Salomos die Weltherrschaft zu übernehmen gedenkt. Auch die drei Physiker wandeln sich immer wieder, diskutieren intensiv (wie alle Darsteller übrigens mit erfreulich klarer Aussprache) die Gretchen-Frage über die Ethik der Wissenschaft und durchleben wilde Ausbrüche, um anschließend ganz rational ihre ausweglose Situation zu analysieren.

Es wird unentwegt gesprochen im klassischen Sanatoriums-Bühnenbild von André Putzmann, bis sich die drei Hauptdarsteller in ihren kühl-resignierten, dabei aber extrem eindringlichen Schlussmonologen in die Schneckenhäuser ihrer Scheinidentitäten zurückziehen, auf direktem Weg in eine Hölle aus Bühnennebel und Gegenlicht. Das Publikum ist begeistert

Quelle: Frankenpost 22.06.2010

 
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