

In 80 Minuten um die Welt26.06.2011 Wolfgang Krebs Inszenierung von "Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer" ist witzig, fröhlich und musikalisch. Vor allem setzt sie stark auf Emotionen. Stürmischer Applaus von den fast vollständig besetzten Rängen.
Wie lang braucht man denn so um die Welt? In sensationellen 80 Tagen hat es der spleenige Engländer Fogg im Roman von Jules Vernes geschafft und damit seine Wette gewonnen. Das
war allerdings 1873. Heute braucht man gerade mal 80 Minuten und war doch überall: beim Kaiser von China, im Tausend-Wunder-Land, vor dem Mund des Todes, am Ende der Welt und,
selbstverständlich, in der Drachenstadt Kummerland.
Voraussetzung allerdings ist, man hat "Emma". Sie ist - man sollte sich von ihrer Oldtimer- Optik nicht täuschen lassen - die schnellste Dampflokomotive der Welt. Doch auch die
verrückteste: Sie kann kurven wie die Geisterbahn, wild blinken, die Bühne mit weißem Dampf zunebeln und als rot schimmernder Drache sogar Mauern durchbrechen, um die gefangene
Prinzessin Li Si Paula Kammerer) zu befreien. Am Anfang muss sie sich noch in ein Amphibienfahrzeug verwandeln und Jim und Lukas übers weite Meer befördern. Starke Gefühle - Nähe zum Musical Traurig ist es schon, von Frau Waas (Christl Haßfürther) und ihrem Erdbeereis-Kiosk, Jims liebevoller Ersatzmutter, Abschied nehmen zu müssen. Oder von dem schnieken Herrn Ärmel (Thorsten Neukam) in Frack und steifer Melone. Schmerzlich ist auch die Trennung von König Alfons, dem Viertel-vor-Zwölften. Angetan mit Schlafanzug und majestätischem Bademantel spielt ihn Matthias Stammler als köstliche fränkische "Schlofkappen" und als "Depperla". Aus "Raumplanungsgründen", wie die Herren Politiker so schön sagen, muss er Emma mit ihrer Besatzung von seiner Zwei-Berge-Insel verweisen. Mit größtem Bedauern, versteht sich. Wolfgang Krebs, der Michael Endes Roman von 1960 für die Naturbühne in eine maßgeschneiderte Spielfassung gebracht hat, doch inhaltlich dem Original folgt, spricht starke Emotionen an. Dass dies so vorzüglich gelingt, ist vor allem auch den Kompositionen des Kulmbacher Musikpädagogen und Musiker Thomas Schimmel zu verdanken. Das Theaterspiel ist fast schon ein Musical, dazu ein sehr hörenswertes, da die Hauptdarsteller vorzüglich singen können. Die eingelagerten Songs gehen unter die Haut, bringen Wehmut und Heimweh, vor allem auch die große Freundschaft ("Zwei Freunde für alle Zeit") atmosphärisch dicht zum Ausdruck. Doch damit der Schmelz nicht überbordet, gibt´s ein musikalisches Gegengewicht: African Jive und fetzigen Rap - Rhythmen, die bei der Premiere nicht nur das junge Publikum in Schwung bringen. Freunde und Finsterlinge Kaum sind Jim und Lukas mit "Emma" losgedampft, stellen sich ihnen Hindernisse in den Weg: die wichtigtuerische Palastwache des Kaisers von China (Thorsten Neukam), die beiden finsteren Bonzen (Elisabeth Feulner, Diana Hentschel) mit der Oberbonzin Pi Pa Po (Silke Ködel), die ihnen am liebsten die Köpfe abschlagen lassen würden. Doch umgekehrt finden sie auch Freunde: Ping Pong (Saskia Luthhardt), die drollige Gourmet-Köchin, die ihnen magenverrenkende "Delikatessen" kredenzt und sie beim Kaiser rettet. Oder den putzigen Halbdrachen Nepomuk (Francesca Canola) mit seinen Nilpferdanteilen, der herumjammert, kein "Volldrache" zu sein. Oder der Scheinriese Tur Tur (Matthias Stammer), der ihnen den Weg nach Kummerland weist, als sie über seine Horror-Gestalt nicht in Panik geraten. Nicht nur Facebook-friends Die Message ist Stückes ist klar: Am Beispiel von Jim und seinem älteren Freund Lukas wird gezeigt, dass ein wahrer Freund etwas anderes ist als der dreihundertste "friend" auf der Facebook-Liste. Dies gilt besonders für den abgeschobenen, vaterlos aufwachsenden Jim. Gerd Kammerer ist ein väterlicher Freund, eigentlich ein "Ideal-Pappa", wie jedes Kind ihn sich wünscht: Er nimmt den Jungen mal kameradschaftlich in die Arme, drückt ihn. Er macht keinen Wind, wenn er ihn aus einer schwierigen Situation gerettet hat. Die 13-jährige Annika Ködel ist ihrerseits als Jim eine Idealbesetzung. In ihren schwarzen Locken kann sie anschmiegsam sein, aber auch ein wildes, quirliges Kerlchen und ein feuriger Feger, der sich mutig an alles herantraut. Ensemble: günstiger Altersmix Doch nicht nur die Titelrollen können überzeugen, auch das sonstige Ensemble zeigt sichtbar Theaterbegeisterung, Schwung und Spielfreunde. Günstig ist gewiss der Altersmix von erfahrenen Schauspielern, Anfängern und vielen Jugendlichen. Bei Tanzeinlagen und Choreografien stehen sie nebeneinander auf der Bühne, als Masken- und Figurenspieler hinter der Kulissenwand können die Jungen ihre Talente erproben (Stefanie Schlie, Moritz, und Sophia Weinmann, Stefanie Schlie, Francesca Canola, Florian Potzel, , Diana Hentschel, Elisabeth Feulner, Jakob Kammerer).
Quelle: Bayerische Rundschau
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