von Michael Bähr

Abenteuerlicher Flug ins Neverland

„Peter Pan“ Abenteuerlicher Flug ins Neverland

Raik Knorscheid bietet in einer Neubearbeitung von „Peter Pan“ effektvolles und fantasievolles Kindertheater, das nach zwei Stunden im Gewitterregen endet. Tolle schauspielerische Leistungen.

Gleich zu Beginn ein Big Gag: Der junge Held fliegt in irrer Höhe zum „Peter Pan“-Song über den Köpfen der Zuschauer am Drahtseil ein. Es folgt ein eineinhalbstündiges Spiel (zusätzlich 30 Minuten Pause) mit viel Action, waberndem Nebel und stimmungsvollem Farblicht. Keine Sekunde kommt Langeweile auf: Kämpfe mit Schwertern und Degen, spannende Verfolgungsjagden, Mord- und Gift-Anschläge, dramatische Rettungsaktionen. Dazu das Kampfgeheul der Indianer, wildes Trommeln, das „Hook, Hook, Hook“ der Piraten, die Fäuste reckend ihren Kapitän anfeuern, und das „Bangerang“ der Verloren Kinder. Nicht zu vergessen das gefräßiges Krokodil, das immer wieder durch die Szene geistert und es auf einen ganz Bestimmten abgesehen hat.

Fürchterliche Kanone

Für das Stück, das zu Beginn und am Ende im Kinderzimmer von Wendy, John und Michael, im Mittelteil in „Neverland“ spielt, hat André Putzmann ein raffiniertes Bühnenbild entworfen. Zunächst sind die Betten der Kinder aufgestellt. Die Kulisse dahinter zeigt rosarote Farbspiele mit den Umrissen der Südsee und einen blauen Wolkenhimmel, daneben hängt ein Peter-Pan-Poster. Es ist die Welt kindlicher Träume und Sehnsüchte. Die Szene verwandelt sich zum Deck von Hooks Piratenschiff mit einer furchterregenden Kanone an Bord. Als sie wirklich feuern soll, tropft die Kugel kläglich aus dem Rohr und macht nur ein paar Hühnerdapper.  

Frisches Update

Die 1904 von James Matthew Barrie geschriebene Kindergeschichte ist ein vertrackt psychologisches Stück mit zahlreichen Anleihen bei Sigmund Freud und C.G. Jung  - Ödipuskonflikt, gespaltene Vaterfigur, frühkindliche Sexualität, Verlust des Schattens.
In seiner Bearbeitung hält sich Raik Knorscheid, der auch erstmals in Trebgast Regie führt, damit nicht lang auf, wenngleich die Motive anklingen. Die Sprache bleibt am Original, ist jedoch für heutige Jugendliche upgedatet, spaßig und leicht verständlich. 

Keine Helikopter-Eltern

Zunächst begegnet dem Zuschauer die biedere Welt der Familie Darling. Die adrette Mutter, die für ihre drei Kinder da ist (Diana Bettge-Luthardt). Der Vater, ein Scheinriese, der wenig zu melden hat und selbst beim Krawattenbinden auf seine Frau angewiesen ist. In die bürgerliche Behausung bricht Peter Pan ein -  der Einsame, ohne Eltern Aufgewachsene, der sich ins Neverland geflüchtigt hat und dort zum Anführer der Verlorenen Kinder geworden ist. Die Darling-Kinder lassen sich von ihm mitreißen, gehen bei ihrem Flug auf volles Risiko. Helikopter-Eltern gibt es in Neverland nicht, die, wenn es brenzlig wird, die Kids herausholen.

Ideales Team

Peter Pan

Dem Ensemble spürt man die große Spielfreude an. Viele Jüngere stehen erstmals auf der Trebgaster Bühne. In drolligen Kostümen (Entwurf: Sigrid Seehuber) verstärken sie die Höhlen-Kinder und den Stamm der Rothäute mit Häuptling Hockende Kuh. Auch die „Routiniers“ bieten Beachtliches: An erster Stelle Alex Böhm in der Titelrolle. Er ist als strahlender Held in grüner Blätterjacke einfach klasse. Als „Junge, der nie erwachsen werden möchte“ verkörpert er Mut genauso wie Abscheu vor der Erwachsenwelt und Einsamkeit. Es sind todtraurige Momente, wenn er seinen Schatten sucht oder einfach nur stumm weint. Zur großen Stütze wird ihm Wendy, gespielt von der attraktiven und wunderbar gefühlvollen Sabrina Schmitt. Die beiden sind ein ideales Team. Nicht nur, weil sie ihm seinen Schatten annäht, sondern weil sie auf Neverland zur Mutter für alle wird: Sie putzt, ist lieb und fürsorglich, tröstet, wenn Heimweh aufkommt. Nicht nur der Zuschauer, auch die grün schillernde Elfe Tinker Bell (Franziska Bordfeldt)  erlebt, dass zwischen ihr und Peter mehr als eine nur eine zarte Liebe aufflammt. Ohne ihren Zauberstaub hätte er sich nie in die Lüfte erheben können. Sie wird in ihrer wilden Eifersucht zum Liebling der Mädchen. Unbedingt verlassen kann sich er sich auf Wendys Brüder John (Jakob Kammerer) und Michael (Florian Potzel), ohne die er keine Chance gegen Kapitän Hook und seine Piraten hätte.

Hook, der Wüterich

Peter Pan

Den Erzbösewicht spielt -  wie die Rolle des gutmütigen Mr. Darling  auch -  Michael Vogler. Als Hook ist er die böse, gewalttätige Vaterfigur. Nachdem sein linker Arm von einem Krokodil geschluckt worden ist und er einen grässlichen Haken tragen muss, wird er zum Sadisten und Todfeind von Peter Pan.  Ein schrecklicher Brüllaffe, dem Mordlust aus den Augen blitzt.  Als die putzige Indianerprinzessin Tiger Lilly (Elena Helmrich, ein großes Talent) gefangen genommen wird, überlegt er zum Beispiel: Aufhängen? An den Marterpfahl bringen? Auf einen Felsen fesseln und ertrinken lassen?  An seiner Seite hat er zwei Häscher im Dreispitz, die ihm zu Willen sind -  Sparkey (Gerd Kammerer) und Cecco (David Brandt). Von ganz anderer Statur ist Smee. Halb Diener, halb widerspenstiger Kauz, der die Piratenehre hochhält, auf eine ordentliche Buddel Rum steht (statt Tee, den Hook auf seiner Armprothese schaukelt) und seinen Herren kräftig trollt. Peter Molnar ist ein Erzkomödiant wie er im Buche steht.

Halbes Happy End

Am Ende findet das Krokodil (Bastian Süss) endlich seine Beute: Hook, der Schreckliche, wird verschluckt. Viel Tränen haben die Zuschauer darüber nicht vergossen. Sämtliche Kinder verlassen Neverland, einzig Peter Pan bleibt zum großen Schmerz von Wendy zurück. Zuhause ist alles beim Alten: die Betten stehen wie früher, Dienstmädchen und Hund schwirren umher. Einzig die Lage des Vaters hat sich verschlechtert: Er schläft am Boden, während der Gewitterregen auf ihn niederprasselt.

Wolfgang Schoberth am 12. Juni in der Bayerischen Rundschau

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