von Moritz Weinmann

Begeisterungsstürme für "Die Wanderhure"

Dr. Jekyll Szenenbild

Die Naturbühne Trebgast hat sich an ein schwieriges Stück gewagt und wird dafür bei der Premiere im ausverkauften Haus mit viel Applaus belohnt. Das Ensemble überzeugte.

Die Menschen in der ausverkauften Naturbühne erhoben sich und klatschten Beifall, als wollten sie gar nicht mehr aufhören. Wie ein Orkan prasselte der Applaus auf die Akteure nieder, die vorher in der Tat eine überzeugende Leistung hingelegt hatten. Mit "Die Wanderhure" hatten sich die Federführenden vom Wehlitzer Berg an ein brisantes, schwieriges Stück gewagt und die Umsetzung bravourös gemeistert. Die beiden jungen Hauptdarsteller Sabrina Schmitt und Daniel Ganzleben eroberten bei der Premiere am Freitagabend mit einer phänomenalen schauspielerischen Leistung die Herzen der Besucher im Sturm.

Der 2004 erschienene historische Roman "Die Wanderhure" ist der bislang erfolgreichste des Schriftstellerehepaares Iny Klocke und Elmar Wohlrath, den sie wie auch andere unter dem Pseudonym Iny Lorentz veröffentlicht haben. 2009 wurde er mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle verfilmt. Es war ein Wagnis, sich an diesen nicht leicht verdaulichen Stoff zu wagen, aber die Reaktion des Publikums nach einer aber auch wirklich herausragenden Darbietung bewies, dass sich das Risiko mehr als gelohnt hat.

In Konstanz will der reiche Tuchhändler Matthis Schärer (Dr. Gerd Kammerer) seine Tochter Maria (Sabrina Schmitt) mit dem Magister Ruppertus Splendidus (Daniel Ganzleben) verehelichen, um sie dadurch in den Genuss eines Adelstitels zu bringen und sein eigenes Ansehen zu mehren. Doch der skrupellose Spießgeselle ist nur am Geld des wohlhabenden Handelsherren interessiert und bezichtigt Maria der Hurerei mit verschiedenen Männern. Sie wird ins Gefängnis geworfen und nachts von drei bestochenen Zeugen, die aussagten, mit ihr geschlafen zu haben, brutal vergewaltigt. Im folgenden Prozess wird sie verurteilt, ausgepeitscht und aus der Stadt verbannt. Weil Maria somit nicht mehr die im Ehevertrag versprochene Jungfrau war, erhält Ruppertus Splendidus als Entschädigung für seinen erlittenen Ehrverlust das Vermögen von Matthis Schärer. Kurz darauf lässt der geldgierige und heimtückische Schuft Matthis und Wina Schärer (Sonja Bayer) ermorden. Maria wird unterdessen von Wanderhuren halb tot gefunden und gesund gepflegt. Anschließend sieht sie keine andere Möglichkeit, als ihren Lebensunterhalt ebenfalls als Wanderhure zu verdienen. Sie lebt nur noch für den Tag der Rache.

Durch eine Fügung des Schicksals kommt sie zum Ritter Dietmar von Arnstein (Mathias Ebert), weil dessen Ehefrau Mechthild (Patricia Wagner) für die Zeit ihrer Schwangerschaft eine Bettgefährtin für ihren Mann sucht. Auf die Frage von Maria, wie ihr Gatte im Bett wäre, scheint Mechthilds Antwort "Ritter Dietmar ist ein zärtlicher Liebhaber" wie ein phonetischer, prophetischer Fingerzeig, dass eine weitere Peripeteia im Leben Marias dieses Mal alles wieder zum Guten wenden mag. Zunächst aber scheint die Existenz von Dietmar und Mechthild von Arnstein ebenfalls durch Ruppertus Splendidus bedroht. Durch den Mönch Jodokus (Dr. Gerd Kammerer) gelangt Maria, kurz bevor dieser ebenfalls von den Mordgesellen von Ruppertus Splendidus umgebracht wird, aber an wichtige Dokumente, die dessen kriminelle Machenschaften belegen. Es kommt zur Anklage vor König Sigismund (Walter Lattner), der Ruppertus Splendidus und seine Helfer zum Tode verurteilt und die Ehre von Maria wieder herstellt, sie zudem entschädigen lässt. Dass Maria noch zu ihrem Jugendfreund Michel (Michael Bähr) findet, macht das Happy End perfekt.

Das prekäre Thema hat Regisseurin Anja Dechant-Sundby meisterhaft angepackt und auf eine faszinierende Weise auf die Bühne gebracht. Die erst 23-jährige Sabrina Schmitt liefert eine überragende schauspielerische Leistung ab und erhält dafür überschwänglichen, bombastischen Applaus. Den bekommt auch Daniel Ganzleben, der vom ersten Erscheinen auf der Bühne an das hinterhältige, verschlagene Wesen von Ruppertus Splendidus, dessen fiesen, dämonischen Charakter förmlich gelebt hat. Als "Belohnung" wird er von einigen Besuchern mit lautstarken, nicht ernst gemeinten Buh-Rufen bedacht, einfach, weil er die Rolle des personifizierten Bösen so perfekt rübergebracht hat.

Das Stück zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass insgesamt 38 Schauspieler allesamt in ihren Rollen aufgehen, sondern auch durch besondere Feinheiten, die ihm eine besondere Note verleihen. So sorgt die Gruppe "Alleweyl" (Gerhard Escher, Jenny Escher, Anja Wichmann) mit mittelalterlichen Instrumenten für eine authentische musikalische Umrahmung, so verleihen Joachim Käding und Christian Ströhlein einem Marktreiben als Feuerschlucker und Feuerspucker eine besondere Note. Mit einer geradezu stoischen Ruhe und Gelassenheit und unglaublicher Professionalität agieren die beiden "heimlichen Hauptdarsteller" des Stücks, die Schafe Maja und Nelly, die mehrere Auftritte haben und die nichts erschüttern kann: nicht mal der ohrenbetäubende Lärm des Schlussapplauses. Wie selbstverständlich stehen sie neben den anderen Darstellern auf der Bühne und genießen die Begeisterung des Publikums. Nicht nur wegen dem Duo eine "tierische, ja saugute, Verzeihung, schafgute" Vorstellung. Einen nicht unbedeutenden Anteil daran haben die zahlreichen "unsichtbaren" Helfer, die verantwortlich sind für tolle Kostüme, Masken und Requisiten, für ein herrliches Bühnenbild und natürlich für die Technik, die einige großartige Effekte auf die Bühne zaubert. "Die Wanderhure", ein Meilenstein auf der Naturbühne.

 

Premierenkritik von Rainer Unger am 10. Juni 2019

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