von Michael Bähr

Beifallstürme für Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Dr. Jekyll Szenenbild

An den Klassiker zum Thema gespaltene Persönlichkeit wagt sich das Ensemble der Naturbühne. Die Inszenierung weiß dabei ebenso zu überzeugen wie das Ensemble.

"Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los" machte einst schon der Zauberlehrling im gleichnamigen Gedicht von Goethe die Erfahrung, um den von ihm zum Leben erweckten Besen als "O du Ausgeburt der Hölle!" zu titulieren. Schlimmer ergeht es Dr. Jekyll, denn der von ihm geschaffene Mr. Hyde wird nicht nur zum unermüdlichen Wasserträger, sondern zum ruchlosen und niederträchtigen Verbrecher und gnadenlosen Mörder. Mit der Inszenierung von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" nach der 1886 erschienenen Novelle von Robert Louis Stevenson ist den Akteuren der Naturbühne Trebgast unter der Regie von Raik Knorscheidt eine prickelnde, spannungsgeladene Aufführung gelungen. Mit nicht enden wollendem Applaus quittierten die rund 450 Besucher der Premiere am Freitagabend die spannende und spritzige Aufführung.

Unzählige Male ist die fesselnde Erzählung des schottischen Autors Stevenson aufgeführt und verfilmt worden, liegt ihr doch die besondere Faszination einer gespalteten Persönlichkeit, das Doppelgänger-Motiv zugrunde. Ausgelöst wird es in dem speziellen Fall von dem Experimentieren des Dr. Henry Jekyll (Dr. Gerd Kammerer) mit bewusstseinsverändernden Drogen. Dr. Jekyll ist ein ehrenwertes, hochangesehenes Mitglied der Londoner Gesellschaft, auch als großzügiger Sponsor ist er allseits beliebt. Er ist allerdings gelangweilt von den gesellschaftlichen Zwängen des Victorianischen Zeitalters, von den ach so bedeutsamen Zusammenkünften, bei denen "mir Frauen ihre hässlichen Töchter andrehen wollen", wie es Dr. Jekyll ausdrückt. Er möchte den "Geist aus dem Gefängnis des Körpers befreien", Grenzen überschreiten, in gewisser Weise Gott spielen, sich davon freimachen, den lustvollen Drang nach Ausschweifung stets beherrschen zu müssen.

Dr. Jekyll Szenenbild

In gewisser Weise zieht er sich mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, besucht immer seltener die Herrenabende mit seinen Freunden, dem Kollegen Dr. Lanyon (Alexander Böhm) und dem Rechtsanwalt Mr. Utterson (Werner Eberhardt). Tatsächlich ist ihm in seinen Experimenten gelungen, sein zweites, böses Ich zu separieren, den "Mr. Hyde" zu kreieren. Anfangs ist Dr. Jekyll begeistert über das, was er geschafft hat, von der Steigerung seiner Lebenslust, davon, der Lust des Verbrechens direkt zu frönen, das Böse auszuleben. Es ist für ihn eine Genugtuung, Frauen zusammenzuschlagen und zu sehen, wie alle mit Schaudern reagieren. In einer düsteren Vorahnung hat er sein Testament zugunsten von Mr. Hyde geändert, was seine Freunde einschreiten lässt, die die nicht zuletzt seltsame Verbindung zwischen den beiden in jeder Beziehung ungleichen Männern interessiert, zugleich befremdet. Dr. Lanyon besucht ihn daraufhin und es entwickelt sich ein Streitgespräch, in dessen Verlauf Dr. Jekyll Wissenschaftler als "taubblinde Philister" beschimpft, sie der Mittelmäßigkeit bezichtigt, Dr. Lanyon als "pomadigen, provinziellen Quacksalber, Wicht" bezeichnet, woraufhin dieser ihm die Freundschaft kündigt. Nach und nach verliert Dr. Jekyll die Kontrolle über Mr. Hyde, der im Gegenzug die Kontrolle über den Arzt gewinnt, seine Boshaftigkeit verstärkt auslebt und das Parlamentsmitglied Sir Danvers Carew (Rüdiger Zenkner) ermordet.

Dr. Gerd Kammerer legt in dem knapp zweistündigen Stück eine klasse schauspielerische Darbietung hin. Grandios die Szene, wie er seine innere Zerrissenheit in einem Dialog mit sich selbst beziehungsweise zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde zum Ausdruck bringt, wie seine Selbstzweifel aufkommen, wie er feststellt, er habe ein Monster geschaffen, dessen Dasein er beenden möchte, es aber längst nicht mehr kann. Mr. Hyde wiederum nennt ihn eine jämmerliche, erbärmliche Figur, die um sein Leben winselt. Als geradezu prädestiniert für die Szene ist die neue technische Ausstattung der Naturbühne. Abwechselnd wird die Hauptfigur in eine helle, freundliche, lichterfüllte Beleuchtung und ein düsteres, dumpfes, unheilschwangeres, diabolisches Höllenrot getaucht. Auch mit den die Bühne überziehenden Nebelschwaden in den dunklen Gassen Londons und dem majestätischen Schlagen von Big Ben punktet die neue Anlage, wobei manchmal die Gedanken aufkommen, dem Getöse der Glockenanlage des berühmten Kirchturms hätte man vielleicht auch etwas weniger Einsätze gönnen können. Geschickt aufgebaut ist das Bühnenbild. Im Zentrum der Bühne liegen die von Leuchten umsäumten Gassen, dem Labor von Dr. Jekyll und dem Wohnzimmer von Mr. Utterson sind Plätze am Rande der Bühne rechts und links zugewiesen. Eingebettet ist die Handlung in das Umfeld des Lebens im Victorianischen London, das in amüsanter Weise mit Liebe zum Detail dargestellt wird und das geprägt ist von Straßendirnen, Polizisten und Zeitungsjungen genauso wie von Straßenkindern, Suffragetten, Laternenanzündern und den singenden Frauen der Heilsarmee. Das Ensemble der Naturbühne geht dabei ein weiteres Mal in all den größeren und kleineren Rollen auf, was die Besucher am Schluss mit frenetischem Beifall belohnen.

 

Premierenkritik von Rainer Unger am 11. Juni 2018 in der Frankenpost.

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