von Moritz Weinmann

"Bonanza" am Badesee

Widder Dahaam Szenenbild

Das Ensemble der Naturbühne Trebgast startet mit einem furiosen Volksstück in die Saison. Und natürlich gibt es nach viel Trubel ein Happy End.

So muss ein Volksstück sein: herzhaft und gefühlsbetont, bärbeißig und gemütvoll, haarsträubend und betörend, ausgelassen und kurzweilig. Bei der Premiere des Stücks "Widder dahaam" von Isabella Leicht, die in Trebgast auch Regie führte, unterhielt das Ensemble die rund 500 Besucher auf der Naturbühne in prächtiger Weise. Lachen war Trumpf am Freitagabend am Wehlitzer Berg.

Fürs Chiemgauer Volkstheater hat Isabella Leicht das Stück im bayerischen Dialekt geschrieben, aber damit die Oberfranken die Handlung auch verstehen, musste er es "ins Fränkische eindeutschen", erklärte der Vorsitzende der Naturbühne Trebgast, Siegfried Küspert, in seiner Begrüßung. Natürlich wurde die Handlung nach Trebgast verlegt und aus dem Chiemsee der Trebgaster Badesee gemacht. "Der stellt den Chiemsee in den Schatten", verdeutlichte Küspert.

Wenn die Geschichte nun schon in Trebgast spielt, hat der Hof der Bauersleute Karl und Lisa Huber (Michael Vogler und Silke Neukam-Ködel) auch einen grandiosen Blick auf das Badegewässer - mit einem hinter einem Fenster angebrachten Bild wunderbar simuliert. Doch was nützt der schönste Ausblick, wenn die Zukunft des Hofes höchst ungewiss ist. Denn weder Tochter Michaela (Miriam Glück) noch Sohn Jakob (Jakob Kammerer) wollen das Anwesen übernehmen. Jakob kann der Arbeit im Stall und mit den Kühen nichts abgewinnen, er sieht seine Bestimmung eher in der Jagd auf die zweibeinigen Vertreter des weiblichen Geschlechts und darin, später mal Eventmanager zu werden. Die Hoffnungen des Ehepaars ruhen somit auf dem reichen Futtermittelfabrikant Franz Schlitzkorn (Marcus Hentschel), der sich Tochter und Hof gerne "unter den Nagel reißen möchte". Vor allem die Mutter möchte ihr Kind gerne unter der "Futtermittelhaube" sehen und gibt dem Verehrer Tipps, wie er das Herz von Michaela erobern kann. Denn deren Rückkehr nach einem dreimonatigen Aufenthalt in den USA steht unmittelbar bevor. Herrlich, wenn sie dem von Marcus Hentschel vorzüglich affektiert gespielten Kerl Nachhilfe im Salsa-Tanz gibt und dessen Bewegungsapparat deswegen gänzlich außer Kontrolle gerät.

Außer Kontrolle geraten ist auch die Psyche von Opa Alois (Walter Richter), als sein "Ausnahmedackel" Waldi das Zeitliche gesegnet hat. Weil er das nicht wahrhaben will, führt er den Hund an einer Leine als unsichtbaren Begleiter immer noch mit sich rum, was etliche urkomische Szenen nach sich zieht. Seine Zuneigung gilt neben Waldi seiner Freundin Hermine (Sonja Bayer), mit der er einen Trip nach Italien machen will. Als "Urgesteine der Naturbühne" sorgen die beiden Schauspieler immer wieder für reichlich Lacher im Publikum. Vor allem die derbe, kratzbürstige Art von Hermine kommt beim Publikum an und auch, dass sie ihre Abneigung gegen Franz Schlitzkorn ganz offen zeigt und bei jeder Gelegenheit kundtut.

Widder Dahaam Szenenbild

Als Michaela endlich auf dem Hof eintrifft, prallen die unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten aufeinander. Als auch noch Farmer Brad Trump (Michael Bähr) auftaucht, der, wie er beteuert, nichts mit dem gleichnamigen US-Präsidenten zu tun hat, sind die nächsten Reibereien vorprogrammiert. Denn in ihn hat sich Michaela in Texas verliebt und er ist ihr liebestoll augenblicklich nachgereist. Zur Beruhigung des Ganzen trägt auch nicht bei, dass Michaelas Lieblingskuh Elise bald kalbt und plötzlich noch die Freundin von Jakob, Petra (Susanne Bähr), auftaucht, zumal die weit mehr als ein Jahrzehnt älter ist als der 18-jährige Sprössling der Hubers.

"Widder dahaam" ist ein flottes, flockiges Stück, das Isabella Leicht in peppiger, poppiger Weise inszeniert hat und das einfach gute Laune macht. Immer wieder sorgen pfiffige, witzige, originelle Einfälle für besondere Überraschungseffekte. Die Schauspieler gehen allesamt in ihren Rollen auf, sind mit Begeisterung bei der Sache, sprühen teilweise geradezu vor Spielfreude, überzeugen auch in ihrer Gestik. Durchwegs geschickt in die Handlung eingebunden ist die Musik, beispielsweise, wenn Cowboy Brad zur Titelmelodie der Fernsehserie "Bonanza" die Bühne betritt.

Ganze Arbeit geleistet hat auch das Team hinter den Kulissen. Ob es um die Bühne geht oder die Kostüme, um Requisite, Maske oder Technik, alles ist detailliert und liebevoll arrangiert worden. Ein langanhaltender Schlussapplaus des begeisterten Publikums war die logische Folge einer amüsanten, erfrischenden Darbietung. Der Premierenabend der Naturbühnensaison 2018 in Trebgast macht einfach Lust auf mehr.

Höchstes Lob gab es bei der Feier im Anschluss an die Aufführung von allen Seiten. Besonders dürfte sich das Ensemble dabei aber über die Worte der Autorin des Stücks, die in Trebgast auch Regie geführt hatte, Isabella Leicht, gefreut haben. Denn die Münchnerin, die viele als Schauspielerin aus Serien wie "Die Rosenheim-Cops" und "Hubert und Staller" kennen, hatte "Widder dahaam" nicht nur für das Chiemgauer Volkstheater geschrieben, deren Aufführung auch im Bayerischen Fernsehen lief, sondern dort auch als Gastschauspielerin mitgewirkt: "Ich habe das Stück in Salzburg gesehen und natürlich vom Chiemgauer Volkstheater, aber hier finde ich es mit Abstand am besten", sagte sie.

Premierenkritik von Rainer Unger am 22. Mai 2018 in der Frankenpost.

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