von Michael Bähr

Ein bisschen Romeo und Julia

Isabella Leicht inszeniert „Ronja Räubertochter“ als fetziges Spektakel mit Gesang, Tanz und umwerfender Komik. Der Naturbühne gelingt bei der zweiten Premiere vor ausverkauftem Haus eines der besten Familienstücke der letzten Jahre.

„Hosenschisser!“ klatscht sie ihm um die Ohren. „Die ganze Nordburg ist voller Hosenschisser! Potz Pestilenz! Wart nur, bis der Mattis kommt, dann fahren alle Borkaräuber mit einem Furz zum Donnerdrummel!“  Wie ein siegreicher Feldherr steht Ronja auf dem obersten Felsbrocken der Burgruine. Birk, auf dem Felsenvorsprung ihr gegenüber, keilt nicht weniger massiv zurück – Ein Auftakt einer großen Jugendliebe, die weit mehr ist als eine bloße Bruder-und-Schwester-Geschichte.

Mit Blitz und Donner

Die Trebgaster spielen Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker in einer pfiffigen Theaterfassung (eineinviertel Stunden Spieldauer, 30 Minuten Pause).  Ein epischer Erzähler tritt auf, der die Highlights des dicken Romans herauspickt, Zeitstrecken überbrückt und auch selbst kräftig mitmischt:  Glatzen-Per, der Älteste der Räuber. Zur Feier von Ronjas zehntem Geburtstag setzt er ein, rollt in einer Rückblende das dramatische Geschehen bei ihrer Geburt auf: Wie die stolze Mattisburg (Bühnenbild: André Putzmann und Dieter Krause) unter Blitz und Donner in zwei Teile zerkracht. Peter Molnar ist in gleicher Weise  souveräner Erzähler und Akteur: Er kann schwungvoll auf die Pauke hauen. Er hat den Schneid, Ronja vor den Augen ihres Vaters über die „Räuberei“ aufzuklären: Kein harmloser Spaß ist sie, sondern schlicht Ausplünderung. Und er kann beim entscheidenden Ringkampf zwischen Mattis und Borka (Thorsten Neukam: ein klasse Fighter) die Stimmung in bester Sportreporter-Manier aufheizen. Der Zuschauer selbst erhascht immer nur einen kurzen Blick von der Hauerei, bis die Gefolgsleute beider Lager wieder die Sicht verstellen.

Isabella Leicht, die das erste Mal in Trebgast inszeniert, hat ein Gespür für Rhythmus und Drive, für den Wechsel von aktionsreicher Handlung und stilleren Momenten. Immer wieder wird gesungen (Musik: Lisa Stenglein), mal bardisch rauh, mal lieblich süß, getanzt und gestampft. Die Szenen sind punktgenau durchgestylt. Ihrer Regie ist die intensive Arbeit mit den Schauspielern anzuspüren, denen auch die Spielfreude ins Gesicht geschrieben ist.

Zwei Dreamteams

Annika Ködel als Ronja und Gerd Kammerer als ihr Vater, der Räuberhauptmann Mattis, sind ein Dreamteam. Die heute 18-Jährige, seit Jahren in Hauptrollen auf der Bühne, hat an Spielstärke noch zugelegt. Sehr glaubhaft spielt sie das Jung-Mädchen, das den Vater bewundert und umschwärmt und ihm gleichen möchte. Sie ist so reizend wie neugierig und risikobereit.

Kammerer ist in der Vater-Rolle exzellent. Er beherrscht alle Facetten eines in seine Tochter vernarrten Vaters, dessen Eifersucht in Raserei ausartet. „Ich habe ein Kind gekriegt“, jubelt er bei ihrer Geburt und zeigt das Püppchen mit stolzgeschwellter Brust seinen Kumpanen. Als Ronja von ihrer ersten Begegnung mit Birk erzählt, rastet er aus:  Er kidnappt den Borka-Sohn und schleppt ihn in Ketten in seine Burg. Zu bremsen versucht ihn stets seine Frau Lovis. Verena Küspert spielt sie gekonnt als ruhige, liebevolle Mutter, die auch sehr energisch und selbstbewusst auftreten kann. Die verdreckte Räuber-Bagage zwingt sie zumindest einmal im Jahr in den Badezuber. Dem entsteigen die Herren dann gereinigt und frisch eingekleidet – in den geraubten Klamotten vornehmer Damen.

Wie Romeo und Julia - doch unblutiger Ausgang

Auch Ronjas zweiter Partner, Birk, ist mit Paul Konrad  (wie sie 18 Jahre alt) klasse besetzt. Wie ein Märchenprinz schaut er aus in seiner blonden Mähne. Er ist sportlich, jungenhaft munter, und hat auch den Mut, seiner „Schwester“ ein Küsschen aufzudrücken. Von ihren Vätern, schlimmen Machos, tief enttäuscht, erleben sie in der Natur Freiheit, Freundschaft, erste Liebe wie Romeo und Julia. Eine wunderschön inszenierte Frühlings- und Sommerromanze. Sie lassen sich auch später von ihren Vätern nicht entzweien und zeigen ihrem Hass, genau so wie der Räuberei die rote Karte.

Schaurige Fantasy-Gestalten und Baby-Rumpel-Sound

Zur Natur gehört die Welt der Trolle, an der sich vor allem der Theaternachwuchs mit großem Spaß beteiligt. Für die Fantasy-Gestalten haben Wolfram Müller-Broeder und Sigrid Seehuber tolle Kostüme geschneidert: Die schaurig-schwarzen Wilddruden in ihren Batman-Look, aus dem nur die Augen hervorblitzen. Angeführt wird der Schwarm von Sonia da Silva-Schmidt.

Wesen wie aus der Geisterbahn sind die Graugnomem, die in irgendwelchen Höhlen hausen.  Aus ihren Zotteln und Fransen-Gefieder treten langgliedrige Krallen hervor.

Stürme der Begeisterung ernten bei den Zuschauer die krummnasigen Rumpelwichte (Jeannette Dößel und Walter Richter). Sie watscheln umher wie aufgeplusterte Gluckhennen mit umgehängten Säcken. Urkomisch ihr hoher Singsang, als sie neugierig Ronjas Fuß beschnüffeln, der in einer Spalte ihrer Behausung stecken geblieben ist. „Pfui Pfui. Wiesu denn bluuß? Macht putt unser Dach." Später kommen sie in der Höhle von Ronja und Birk ihrer Fresslust nach, die sich auf ihr Jüngstes (Elena Helmrich) vererbt hat. Als ihm das Essen entzogen wird, quiekt es gottserbärmlich im Baby-Rumpel-Sound.

Lang anhaltender Applaus bei der Premiere. Strahlende Gesichter beim Hinausgehen, manche Kinder können sich vor Lachen immer noch nicht und imitieren den Singsang der Rumpelwichte.

Kein Zweifel: die Trebgaster haben eines der besten Familienstücke der letzten Jahre hingelegt.


Wolfgang Schoberth in der „Bayerischen Rundschau“ vom 30. Mai 2016

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