von Michael Bähr

Eine Milliarde für einen Kopf

Dame

In der letzten Premiere zeigt die Naturbühne eine atmosphärisch dichte Inszenierung, die die Zuschauer erschaudern lässt. Das Publikum feiert die Schauspieler für ihre tollen Leistungen.

Alle warten, blicken zum Bahnsteig. Im Hintergrund zwei hochaufragende Säulen, die mit Zeitungsschlagzeilen beklebt sind. An einer Leine hängen schäbige graue Tücher. Auf einem heißt es „Willkommen Kläri“. Dann trifft sie mit ihrem Tross ein: verheiratete Claire Zachanassian, Multimilliardärin, einst Kind der Stadt. Zwei ihrer Lakaien tragen sie einer roten Sänfte herbei. Mondäne Erscheinung. Lockige Mähne, weißes Reisekostüm im Haut-Couture-Stil. In ihrer linken, von Brillanten funkelnden Hand hält sie einen Stock, an ihrer Rechten verdeckt ein graziöser Handschuh ihre Elfenbein-Prothese. Ihre beiden Eunuchen schleppen einen Sarg auf die Bühne. Er ist für bestimmt für den, dem ihre ganze Rache gilt, ihren Ex-Geliebten Alfred Ill. Einer wird ihn abschlachten wie ein Schwein und den Judaslohn für alle kassieren.

Keine Clowns-Typen

Friedrich Dürrenmatts schwarze Komödie entfaltet auch nach 60 Jahren eine eminente Wucht, wirkt frisch und gegenwärtig, wenn sie inszeniert wird wie in Trebgast.  

Die junge Regisseurin Jasmin Sarah Zamani braucht nur eine bescheidene Kulisse (Entwurf: André Putzmann) und nur wenig Bühnenmittel. Dafür setzt sie auf ausgeklügelte optische Effekte und Choreografien, die - wie etwa bei der immer schaurigeren Hetzjagd auf Ill - das Blut einfrieren lassen. Was ihr wichtig ist, zeigt sich im Vergleich zu vielen anderen Inszenierungen: Sie überzieht die grotesken und satirischen Elemente des Stückes nicht. Die Hauptfiguren sind nicht nur Clowns-Typen, sondern Menschen, die einen Entwicklungsprozess durchlaufen, scheitern oder tragisch enden. Sigrid Seehuber hat dazu die passenden Kostüme geschneidert, mit Stil und Pfiff bis in die Details. Bei den Güllenern dominiert das schlichte Graubraun, wobei bei zunehmender Wohlstandserwartung nach Claires Kopfgeld-Angebot geckige Accessoires dazu kommen, vor allem die goldenen Schuhe. Die alte Dame führt bei jedem ihrer Auftritte ein anderes exklusives Modell vor, auch mal ein Brautkleid, das sie zu Ehren ihrer Hochzeit mit ihrem Gatten Nummer VII trägt.

Lächelndes Ungeheuer

Dame

Christine Kammerer ist eine souveräne Claire Zachanassian. Ihr gelingt es, die Leidensgeschichte einer jungen Frau, die mit siebzehn geschwängert und verraten worden ist und 45 Jahre später gealtert, mit kaputtem Körper, vor ihrem Ex steht, erschütternd glaubhaft zu machen.  In ihrer inneren Verhärtung wird sie zum lächelnden Ungeheuer, zur eisig-konsequenten Rächerin. „Die Welt machte mich zu einer Hure, jetzt mach ich sie zu einem Bordell“, so sagt sie. Am Ende wird sie zu Ills Todesengel. Sie legt an seinem Sarg eine Rose nieder, ein letztes Feuer für ihren einzigen Geliebten.

Werner Eberhart ist als Alfred Ill ein gleichwertiger Partner. Grandios macht er den Wandel der Figur sichtbar: Zunächst machohaft protzig, der von den Güllenern bewunderte „schwarze Panther“ von einst, der glaubt, Kläri um den Finger wickeln zu können. Danach seine eskalierende Angst, die verzweifelten Versuche, gegen die Hetzmeute zu rebellieren, bis zur Annahme seines Todes.  Seine Frau (Hilde Volkmann) verrät ihn wie die anderen, trägt einen neuen Pelz und goldene Schuhe.

Verlogen und korrupt

Dame

Die Bürgerschaft Güllens bietet dem Zuschauer tiefe Einblicke in die Mentalität eines hoffnungslos überschuldeten Nestes, dem durch die ausgelobte Milliarde enorme Chancen winken. Es ist ein Lehrstück für käufliche Moral und Korrumpierbarkeit. Rainer Dohlus ist als Bürgermeister ein windiger Amtsinhaber, dessen Stärke in gefälligen Reden liegt. Das Angebot Claires weist er zunächst markig zurück: „Lieber bleiben wir arm, denn blutbefleckt“. Doch dann bricht er wegen der Investitionschancen der Gemeinde kläglich ein. Benedikt Lehmann überzeugt als dubioser Lehrer. Er hätte am MGF-Gymnasium Chef werden könne, wie er sagt, bleibt aber lieber in Güllen. Ihm ist bewusst, dass es sich bei der „Wiederherstellung der Gerechtigkeit“ um pure Heuchelei handelt, hat aber nicht die Power, dagegen anzukämpfen. Keinerlei Beistand erfährt Ill bei dem bigotten Pfarrer (Horst Thor), der sich wie die anderen ein Gewehr zugelegt hat, und auch nicht bei der Polizei, die verharmlost. Annette Neukam, gestenreich, redeschwallend, erntet für die staatstragenden Beruhigungspillen Sonderapplaus.

Gruselkabinett

Dame

Krasse Typen finden sich im Gefolge der alten Dame. Ihre Kurzzeit-Ehemänner Nummer XII, XIII und IX lassen sich von ihr wie dressierte Hündchen behandeln (jeweils David Brand). Die glatzköpfigen Eunuchen Loby (Andreas Kießling) und Koby (Christian Doser) sprechen in papageienhaftem Singsang und drehen die Pupillen schaurig nach oben. Einst waren sie die meineidigen Zeugen im Vaterschaftsprozess. Claire hat sie aufspüren, kastrieren und blenden lassen. Den damaligen Richter (Martin Besold) hat sie zu ihrem Butler gemacht. Nicht zu vergessen zwei Oberspackos (Miriam Glück und Paula Kammerer), die der lokalen Radiostation zu entsprungen scheinen. Sie fotografieren alles und erkennen nichts, was sich hinter den Fassaden abspielt.

Wolfgang Schoberth am 19. Juni in der Bayerischen Rundschau

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