von Michael Bähr

Gekränkte Frauen vergessen nie

Interview mit Hauptdarstellerin Christine Kammerer

BR: Wie fühlt man sich denn so - als jüngeres Semester - als perlenbehängte Mumie mit ihren Bein- und Armprothesen?
Christine Kammerer: Zunächst mal, ich habe mich wahnsinnig über die Rolle gefreut. Es ist eine große Herausforderung, die beschädigte Körperlichkeit der Frau zu verinnerlichen und für die Zuschauer spürbar werden zu lassen.

BR: Die Rolle hat die besten Schauspielerinnen angezogen - Therese Giehse bei der Uraufführung 1956, später Elisabeth Flickenschildt und Christiane Hörbiger. Was ist denn das Faszinierende?
Die Vielschichtigkeit der Person. Die Schauspielerinnen haben ganz unterschiedliche Charakterzüge herausgearbeitet. Für mich stehen die Prothesen Claires nicht nur für äußere Gebrechlichkeit, sondern sind Symbol ihrer inneren Verletzungen, die nie verheilen.  Sie wird zur Bestie, obwohl sie Alfred Ill noch immer liebt.

Ihre erotische Faszination ist auf der Bühne immer noch spürbar. Jetzt wirkt sie wie ein  erloschener Vulkan.
Genau. Die einstige Glut ist außen verkrustet und bildet einen steinernen Panzer um die einst Liebende. Noch glimmt ihre Glut der Liebe, doch bald wird auch die absterben und dann will sie Ill bei sich im Tod wissen. Ich denke, es deutet sich eine Selbstmordabsicht an. Warum sonst schickt sie ihren langjährigen Butler weg, in die Opiumhöhlen?

Der Hintergrund ihrer Rache - ungewollte Schwangerschaft, scheint heute weit weg.
Da sollten Sie sich mal mit Frauen unterhalten, die von ihrem Partner mit dem gemeinsamen Kind sitzen gelassen wurden. Wer wie Claire 17-jährig und hochschwanger mit Schimpf und Schande verstoßen wird, vergisst nie.

Am Ende wird Alfred getötet, doch es gibt keinen erkennbaren Henker. Spielt Dürrenmatt hier auf die „Kollektivschuld“ an, die nach dem Krieg eine große Rolle gespielt hat?
Ich denke, ja. Wir haben uns in der Inszenierung einen Schluss ausgedacht, der zeigt, wie alle zu Mördern werden, auch wenn nur einer den Brutus spielt.

Dürrenmatts Erfolgsstück hat über 60 Jahre auf dem Buckel. In seiner Machart ist es der Stil der 50-er Jahre: groteskes Theater, Lehrparabel. Ist die Sache noch aktuell?
Hochaktuell. Mit vielen Parallelen zur Gegenwart. Am deutlichsten bei den Güllenern: Erst schleimen sie sich bei Ill ein, da sie glauben, als der Ex-Geliebte würde er Claires Millionen an sich ziehen, danach wird er gehetzt, schließlich umgelegt. Oder ihre Pilatus-Haltung, die an manche Haltung gegenüber Ausländern erinnert: keiner hat was gegen sie und doch gehen immer wieder Unterkünfte in Flammen auf. Mobbing in unserer Gesellschaft, das Stück zeigt es wie kaum ein anderes.

 

Gespräch: Wolfgang Schoberth am 19. Juni 2017 in der Bayerischen Rundschau.

 

Info:
Dr. Christine Kammerer ist seit 2000 Tierärztin in Mainleus. 2007 hat sie sich der Naturbühne angeschlossen. Vergangenes Jahr spielte sie die Valerie in Ödön van Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, das Jahr zuvor die Titelpartie in Aristophanes´ Lysistrata.  Auch in zahlreichen Kinderstücken wirkte sie mit.

Zurück