von Michael Bähr

Geld regiert die Welt - stimmt das wirklich?

Alte Dame

Nach über 45 Jahren kehrt eine alte, inzwischen steinreiche Dame in ihren Heimatort zurück und hat für den morgigen Freitag um 20.30 Uhr ihren Besuch auf der Naturbühne, beziehungsweise in der kleinen Stadt Güllen an der deutsch-schweizerischen Grenze, angekündigt.

„Der Besuch der alten Dame“- die 4. und letzte Premiere der diesjährigen Spielzeit - hört sich zunächst ja recht harmlos an. Aber Claire Zachanassian ist gekommen, um Rache an ihrem ehemaligen Geliebten zu nehmen. Dieser hatte sie in ihrer Jugend geschwängert, und konnte durch falsche Zeugenaussagen den Beweis seiner Vaterschaft abwenden. Daraufhin verlässt Klara verarmt und entehrt die Kleinstadt Güllen. Durch mehrere Ehen wird Klara sehr vermögend. Neben ihrem siebten Ehemann und Bediensteten bringt Claire bei ihrer Rückkehr einen Sarg mit. Die Bewohner und der Bürgermeister sind sehr aufgeregt. Sie erhoffen sich finanzielle Unterstützung durch den Besuch der Milliardärin. Tatsächlich verspricht sie der heruntergekommenen Stadt und ihren Bewohnern eine Milliarde. Aber sie verlangt dafür Gerechtigkeit. Sie setzt das Geld auf den Kopf ihres damaligen Geliebten aus. Ihre finanziellen Druckmittel erlauben es ihr, die Bürger der Stadt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ihr Vermögen versetzt sie in die Lage, wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa. Doch ist sie nicht nur mit der griechischen Heldin vergleichbar, sondern wird vielmehr zur Rachegöttin selbst. Ihr wird in ihrem ehemaligen Heimatort so viel Macht eingeräumt, dass sie uneingeschränkt über Schicksale bestimmen kann.

Dame

Dürrenmatt entlarvt auf groteske Weise die Verlogenheit der bürgerlichen Moral. Ohne den Zeigefinger zu heben, zeigt er, dass Amoral in Sittlichkeit umgedeutet wird. „Geld regiert die Welt“ – für die Gültigkeit dieses Klischees haben US-Forscher jetzt einen Beleg gefunden. In mehreren Studien gingen sie den Fragen nach: Wie wirkt sich unsere Position in der Gesellschaft auf unser Verhalten aus? Interessieren wir uns weniger für die Gefühle unserer Mitmenschen, je besser es uns finanziell geht? Können wir die Emotionen von anderen umso schlechter nachvollziehen, je höher unser sozialer Status ist? Mit anderen Worten: Verdirbt Geld doch den Charakter? Das Ergebnis: Menschen mit mehr Geld zeigen weniger Mitgefühl. Der Umkehrschluss: Wer zur Oberschicht gehört, achtet demnach weniger auf seine Mitmenschen. Offenbar verdirbt Geld also doch den Charakter.

Neue

Insofern hat Dürrenmatt 1956 gewissermaßen ein zeitloses Werk geschaffen, das zu jeder Zeit gültig ist. Inszeniert wird es von Jasmin Sarah Zamani, die zum dritten Mal in Trebgast Regie führt. Die eher schlammfarbenen Fetzen, in denen die Einwohner herumlaufen, dokumentieren die Armut der Stadt. Einzig die alte Dame und ihre Entourage werden mit teilweise bombastischen Kostümen ausgestattet. Mit Christian Doser und Andreas Kießling verstärken zwei „Neue“ das 14 Akteure umfassende Ensemble. Beide bringen bereits Bühnenerfahrung vom Brandenburger Kulturstadl mit. Sie wurden in Trebgast sehr gut aufgenommen und fühlten sich im neuen Umfeld gleich wohl. Beeindruckend für beide war die gegenseitige Rücksichtnahme bei den Proben, denn schließlich werden ja vier Stücke auf einmal einstudiert. Einen weiteren Unterschied zum Kulturstadl haben beide ausgemacht: „Hier gibt es keinen Vorhang.“ Und noch etwas wird vielleicht anders sein als in ihrem Bayreuther Stadl: Sie werden sich eventuell an eine gelegentliche Dusche von oben gewöhnen müssen. Trotz alledem: Sie freuen sich schon darauf, dass es jetzt auch für sie endlich losgeht. Lampenfieber? „Das gehört dazu, damit man eine gewisse Spannung aufbauen kann.“

Ill

Diese Tragikomödie von Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, eine geniale schwarze Komödie mit skurrilen Gestalten und einer Rachegöttin, die diese Gestalten lenkt, wurde zu einem Welterfolg und bedeutete für den Schweizer Schriftsteller die finanzielle Unabhängigkeit.

Die Uraufführung mit Therese Giehse in der weiblichen Hauptrolle fand am 29. Januar 1956 in Zürich statt.

 

Dieter Hübner am 14. Juni 2017 in der Bayerischen Rundschau.

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