von Michael Bähr

Germany´s next Topskandal

Schlammschlacht

Endlich haut´s mal einer den Kommunalpolitikern um die Ohren. Mit Fitzgerald Kusz´ „Schlammschlacht“ bietet die Naturbühne köstliche Einblicke in Vetterleswirtschaft und Parteienklüngel. Tolle schauspielerische Leistungen.

„Es war wunderbar“, schwärmt der aus Nürnberg zur Premiere angereiste Schriftsteller. nach der zweieinhalbstündigen Aufführung. Und auch umgekehrt muss man sagen: Kusz kann´s. Nicht umsonst boomt das Stück momentan in deutschen Landen. Es hat beste Qualitäten einer politischen Komödie: Es ist nicht nur komisch, dramaturgisch perfekt gearbeitet, sondern beschreibt oft irre-authentisch das moralische Zwielicht mancher kommunaler Entscheidung.

Als Modell dient der Bau einer millionenschweren Kläranlage in Rüsseldorf. Die Sache ist für das Nest weit überdimensioniert, doch der Bürgermeister Weisskopf verfolgt massive Eigeninteressen:  Seine Profilierung als zupackender, fortschrittlicher, auf das Wohl der Gemeinde bedachter Politiker, gewiss. Mehr aber noch wegen der kleinen Gefälligkeiten, die ihm die Baufirma unter der Hand versprochen hat, wenn sie den Zuschlag erhält: einen Schulungsurlaub auf Mallorca und einen Audi 8, als Dienstwagen selbstredend.

Kloake explodiert

Schlammschlacht

Zu sehen, wie der rührige Mann den Gemeinderat ausspielt und die Bauausschuss-Mitglieder ködert, ist ein Vergnügen. Unendlich viele Scheinargumente fallen ihm ein, vor allem aber nutzt er subtil und brutal deren Eigeninteressen aus. Starker Matchplan, doch übler Flopp: ein Jahr später fliegt die Kläranlage wegen Baufehler in die Luft. „Siehst de mal, was die Scheiße für ne Gewalt  hat“, meint Michel, der Wirt, cool. Die Firma „Oben und Unten“ ist schon lange insolvent, Regressforderungen kann man sich schenken.

Regisseur Rainer Streng hat die einzelnen Spielszenen geschickt gruppiert: In der Mitte der „Schwarze Adler“, Schauplatz der Polit-Mauscheleien.  Links der Beautysalon von Conny Kowatsch, eine frühere Stripperin (Diana Laaber-Canola), rechts eine Jagdhütte und der Vorbau einer Puten-Farm, die den Raum für Intimes bieten (Bühnenbau: André Putzmann und Dieter Krause). Der Inszenierung sieht man die intensive Arbeit mit dem 12-köpfigen Ensemble an.

Krass, heiß, authentisch

Schlammschlacht

Die Figuren sind markant durchgestylt und teilweise toll besetzt. An erster Stelle gilt dies für Jochen Böhm in der Rolle des Bürgermeisters Karl Weisskopf. Er spielt ihn als schlitzohrigen, mit allen Wassern gewaschenen Vollblutpolitiker, dem man meint in der Lokalpolitik schon öfters begegnet zu sein. Die üblichen Überzeugungstechniken -  mal sanft, mal aufbrausend, mal plump, mal raffiniert andeutend - macht er wunderbar sichtbar. Nicht weniger die hohe Kunst der Scheinargumente zum eigenen Nutzen. Seinen politischen und persönlichen Widerpart, den Wirt Michel Holzmann, spielt Georg Küfner. Auf köstliche Weise führt er die dümmlich anbiederischen Reden mancher Politiker vor.

Eine krasse Partie bietet Marcus Hentschel als Putenfarm-Betreiber, dessen Abwässer regelmäßig das Dorf überschwemmen. Er leidet an Smartphone-Verblödung dritten Grades. Er googelt fortlaufend, ist verpennt und desorientiert und wird nur wach und aggressiv, wenn ihn der Grüne Michael Opitz der Umwelt-Zerstörung bezichtigt (resolut bei allem bubihaften Charme: Julian Hildner). Andrea Vießmann glänzt in der Rolle von Frau Lottes, einer hyperaktiven Ulknudel, die den Bürgermeister bis aufs Blut reizt, Bärbel-Schaller Böhm als Glupschaugen werfende die Biolehrerin.

Tote Hose im Bett

Schlammschlacht

Zwei freche Nebenrollen spielen Annika Ködel und Georgia Lauterbach: die eine als sexy Bedienung in schwarzem Body, Strumpfhosen, topgestylt wie Ivanka; die andere ein verglühter Comedy-Star im Glitzer-Fummel.  Eine absolute Partycrasherin, bei der die Mannsbilder nicht mehr hin-, sondern bloß noch stumpf ins Bierglas glotzen.

Dass Kusz in seiner Polit-Satire auch menschliche Tragik liefert, zeigt die Ehekrise von Bürgermeister Karl Weisskopf und seiner blutjungen, attraktiven Frau (Sonja Welsch). Rosy hat den Erfolgspolitiker geheiratet, findet ihn jedoch ekelhaft. Im Bett läuft schon lange nichts mehr. Frustriert wirft sich dem „Adler“-Wirt an den Hals, nicht gerade ein junges Semester, der daheim eine kranke Frau liegen hat. Am Ende steht Karl als rundum Gescheiterter dar. In einem tollen Regieeinfall wird seine Abwahl im Rathaus live per Video auf eine Bühnenleinwand übertragen. Neuer Bürgermeister wird Michel Holzmann. Noch am Wahlabend verspricht er den Bürgern ein neues gigantisches Projekt – ein Wellnesshotel in Rüsseldorf. Der nächste Top-Skandal ist programmiert.

Wolfgang Schoberth am 29. Mai 2017 in der Bayerischen Rundschau.

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