von Michael Bähr

Mann am Steuer - Ungeheuer

Die Naturbühne sorgt bei der dritten Premiere mit dem fränkischen Volksstück „Liebe und Blechschaden“ für herzhaftes Spaßtheater. Ständig Szenenapplaus.

Ein älterer Mann mit seinem Audi A 8 unterwegs. Am Straßenrand eine junge Punkerin. Kalkweißes Gesicht, knallrote Lippen, ansonsten alles Black:  Rave Top Shirt, Zip Jacket, Schnürstiefel im Gothic-Style. Der Mann lässt sie einsteigen. Sein Blick streift über ihre Rundungen. Plötzlich ein Crash -  kleine Verwechslung von Bremse mit dem Gaspedal – und seine Nobelkarosse landet an einen Baum. Kotflügel und Stoßstage lädiert, sein eigener Kopf verbeult. Das alles ist jedoch ein Klacks gegen den Image-Schaden: sein Ruf als souveräner Fahrer ist ruiniert, der als braver Ehemann schwer angekratzt. Über gut zwei Stunden lang  erlebt der Zuschauer die Versuche des Bauern Toni, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Beichte nach ein paar Obstlern

„Liebe und Blechschaden“ ist als Boulevardstück angelegt. Die Handlung spielt in der Wohnstube auf dem Reisighof. André Putzmann und Dieter Krause haben dazu bunte Stellwände auf die Bühne gestellt mit zwei Türen -  für die zahlreichen fliegende Auftritte und Abgänge Die turbulenten Ereignisse außerhalb sieht der Zuschauer nicht, sie werden von den Personen erzählt. So auch der Kracher mit der Tramperin, den Toni seinem Kumpel Max nach ein paar Obstlern anvertraut.

Bespaßung der Zuschauer ist die große Kunst des Stückeschreibers Hans Gnant (1920-2000). Der Österreicher hat mit dem Komödienschreiben in englischer Kriegsgefangenschaft begonnen, um seine Kameraden aus der Depression herauszuholen. „Liebe und Blechschaden“, 1984 entstanden, ist sein populärstes Stück -  es gibt keine große Volksbühne, die es nicht schon im Spielplan gehabt hätte.

Doppelter Blechschaden

Gespielt wird in fränkischer Mundart mit zahlreichen lokalen Anspielungen. Der Forchheimer  Regisseur Rainer Streng vermeidet das Übel vieler Volksstücke: Er inszeniert nicht prall und saftig, mit schenkelreibender Anzüglichkeit, sondern setzt auf doppelbödigen Wortwitz  („Die Firma Bauer schätzt, repariert und erbringt jegliche Leistung im täglichen Verkehr“). Effektvolle Anspielungen gibt es zuhauf, da die Handlung verrückt zugespitzt wird: Nicht nur der Reisighof-Bauer baut einen Unfall, sondern auch seine Frau Marianne, die den Pkw gegen seinen Willen aus der Garage holt, kracht auf einen Baum und beschädigt den Audi an gleicher Stelle.  Klammheimlich sucht sie Hilfe bei dem zwielichtigen Spengler Herbert Bauer, der in tiefster Nacht Hand anlegt.

Theaterhasen und Debütanten

Rainer Streng hat das Ensemble aus alten Bühnenhasen und Neuzugängen zusammengestellt. Zum Urgestein zählt Georg Küfner in der Partie des Reisighofbauern. Er spielt ihn in seiner machohaften Selbstgerechtigkeit verschmitzt und liebenswert. Köstliches gelingt ihm: Wenn er etwa mit einem Pflaster seine aufgeplatzte Stirn verarztet und seinem Sohn weismacht, er hätte sich beim Rasieren geschnitten. Wenn er im Jogginganzug herumturnt. Oder wenn er sich in gebetsmühlenartiger Selbstbefragung auf seinen Geisteszustand testet.

Ihm zur Seite Max, der Bachwirt. Reiner Hofmann, gerade als Kulmbacher Stadtarchivar aus dem Dienst verabschiedet, beweist in der Rolle sein vielseitiges komödiantisches Talent: Er ist ein Freund und Nothelfer, der ihm auch mit wilden Gesten und Grimassen aus aus der Patsche hilft, und ein Pfiffikus, der mit den irrsten Ideen aufwartet.

Die Reisighof-Bäuerin Marianne wird von Marion Regnet gespielt. Sie ist eine Ehefrau, resolut, energisch, auf den Tisch hauend, die sich nicht so leicht unterbuttern lässt. Doch sie kann auch sammetpfötig sein. Ein Glanzlicht dafür  ist ihr Telefongespräch mit Herbert, in dem sie megasüß flötet und etwas von der „Nacht, die ich nie vergessen werde“ haucht.

Ein Taifun auf der Bühne

Den halbseidenen Spengler im Ganovenjackett spielt Siegfried Küspert mit gewohnt rustikalem Charme. Als Ex-Verlobter von Gretl (Diana Laaber-Canola: bockig, frustriert, doch arg liebesbedürftig) charmiert er sich bei ihr zurück. Eine furiose Partie legt Marina Hentschel als Dorftratsche hin. Kaum zu glauben, dass sie zum ersten Mal in einer Sprechrolle auf der Bühne steht.  Sie wirbelt wie ein Taifun, verfällt in Weinkrämpfe, schreit hysterisch. Ständig ist außer Atem wie ein 800-Meter-Sprinter,  schweißtupfend, da sie jedem Ereignis, meist Produkten ihrer krausen Fantasie, nachjagen muss. Neuling im Team ist Manuel Mitschke in der Rolle des Sohnes Peter  - ein yuppihafter Intellektueller im ersten Liebesfrühling.  Stark die Szene, in der er mit  seinem „Mama“-Gesäusel Marianne dazu bringt, Babsy, die kiezige Berliner Tramperin (Francesca Canola), in der Dachkammer zu beherbergen und ihr sogar ihr Dirndl auszuleihen.


Wolfgang Schoberth in den Bayerischen Rundschau vom 13. Juni 2016

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