von Moritz Weinmann

Naturbühne Trebgast zeigt grandiose Inszenierung der "Wanderhure"

Dr. Jekyll Szenenbild

Für die grandiose Inszenierung der "Wanderhure" auf der Naturbühne Trebagst gab es Standing Ovations und ein dickes Lob von den anwesenden Autoren.

Es war eine Sternstunde der Bühne, wie man sie seit Jahren nicht erlebt hat: Der Funke springt über, das gesamte Ensemble wächst über sich hinaus. Zum Finale stimmen viele Zuschauer in das "Großer Gott, wie loben dich" ein, erheben sich zum Schlussapplaus und bejubeln die Schauspieler. Die beiden Autoren des Stückes klettern auf die Bühne. Strahlend nehmen sie die Hauptdarstellerin, ganz in Weiß mit Blütenkranz, in die Arme. "Es war eine ganz wunderbare, berührende Aufführung in einer einmaligen Atmosphäre", sagt Iny Klocke anschließend. Zusammen mit ihrem Ehemann Elmar Wohlrath hat sie unter dem Autoren-Pseudonym Iny Lorentz "Die Wanderhure" geschrieben. Ihr Mann ergänzt: "So wie es hier gezeigt worden ist, haben wir es uns im Roman vorgestellt. Fünf Hauptdarstellerinnen haben wir bisher erlebt, die erste war Alexandra Neldel in den TV-Verfilmung 2010, doch das Spiel der 23-Jährigen Sabrina Schmidt ist überwältigend."

Spannend wie "Tatort"

Widder Dahaam Szenenbild

Anja Dechant-Sundby nutzt geschickt die gesamte Bühne. Hierfür hat André Putzmann ein Bühnenbild wie bei Bert Brecht entworfen (Bühnenbau: Dieter Krause): zwei Zelte, einige Buden und ein Holzkarren. In raffinerter Weise wird das Gefährt multifunktional genutzt. Es ist Früchteablage, Tribüne des Kirchengerichts und wird schließlich, mit bunten Bändern versehen, zum Hurenwagen.

Die Regisseurin hat ein Gespür für Tempo- und Szenenwechsel. Die Handlung ist spannend wie ein "Tatort". Wüste Hauereien, Morde, die brutale Vergewaltigung Marias und die Verbrennung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen wechseln mit Gebeten, gregorianischen Gesängen und den betörenden Mittelalter-Klängen der Gruppe "Alleweyl".

Die Naturbühne entfaltet mittelalterliche Folklore in farbenprächtigen Bildern. Wolfram Müller-Broeder hat hierfür fantasievolle zeitgenössische Kostüme geschneidert. Manche Massenszene, bei der sich Handwerker, Marktfrauen, Soldaten, Gaukler, Feuerschlucker und zwei Schafe auf der Bühne tummeln, erinnert an die Wimmelbilder des Niederländers Peter Breugel.

Gleichwohl erschöpft sich die Inszenierung mit ihren 60 Rollen nicht in einer Ausstattungsorgie. Die Leidensgeschichte der Marie Schärer wird ergreifend sichtbar gemacht. Die Konstanzer Tuchhändlers-Tochter ist ein liebreizendes Mädchen, das an den ehrgeizigen Heiratsplänen ihres Vaters (Gerd Kammerer), einer korrupten Gesellschaft und der Gewalt der Kirche zu Schanden kommt. Der junge Gastwirtssohn Michel, der sie liebt wie sie ihn, könnte ihr Retter sein, doch seine Pläne hätten den Bruch mit der Familie und den Verlust der Ehre zur Folge.

Michael Bähr spielt den Liebhaber bravourös. Er zeigt seinen Wandel vom jugendlichen Feuerkopf zum gereiften Manne, der zum Hauptmann aufsteigt, doch konsequent auf Marie hofft.

Heiraten soll Marie den Advokaten Ruppertus Splendidus, den außerehelichen Sohn des Grafen von Keilburg. Daniel Ganzleben spielt ihn als üble Kreatur, die den Makel des "Bastards" zu kompensieren versucht. Er ist eiskalt, zynisch, schneidend. Gnadenlos lässt er seine Verlobte von zwei Ober-Brutalos (Ralf Butzmann, Benedikt Lehmann) vergewaltigen und von meineidigen Zeugen beschuldigen, um ihrem Vater vor Gericht Hab und Gut abzupressen.

Eine besonders fiese Rolle spielt dabei Hilde Volkmann als Hebamme, die bei ihrer Untersuchung der blutigen Marie die Spuren der Misshandlung leugnet. Eine gespenstische Szene.

Sabrina Schmidt lebt ihre Rolle in allen Facetten: Erst das gehorsame Mädchen, dann die Verzweiflung Marias, die fast umkommt durch das, was ihr angetan wird. Sie überlebt als Wanderhure, deren Seele wie abgestorben ist. Einzig der Hunger nach Rache und Gerechtigkeit treibt sie weiter. Am Ende gewinnt Marie ihre innere Lebendigkeit zurück. Leuchtend schön, wie neugeboren, geliebt und geachtet findet sie in die Welt zurück. Eine Erlösung wie im Märchen.

Die Trebgaster "Wanderhure" ist vor allem auch ein Stück der Befreiung - der Befreiung von männlicher Gewalt und vom Diktat der Kirche. Die Hübschlerinnen (Miriam Glück, Bärbel Schaller-Böhm, Klaudia Rumanski, Susanne Bähr), die die verstoßene Marie bei sich aufnehmen, sind starke, couragierte Frauen mit schlimmen Lebensgeschichten. Mit einem Messer im Strumpfband wissen sie sich gegen Peiniger zu wehren.

Zeit des Umbruchs

Widder Dahaam Szenenbild

Gezeigt wird eine Zeit des epochalen Umbruchs. Der barfüßige, in der Folter übel zugerichtete Frühreformator Jan Hus (erschütternd gespielt von Gerd Kammerer) ist ein Fanal dafür. Für ihn ist, wie später bei Luther, der persönliche Glaube maßgeblich, nicht die die Doktrin kirchlicher Autoritäten. Wie unbarmherzig sie urteilen, wird bei dem Inquisitionsgericht deutlich (Peter Molnar, Walter Richter, Horst Thor). Aber auch das aufstrebende Bürgertum, vertreten durch den Böttchermeister Flüthi (Walter Lattner) und den Stadtrat Jörg Wölfling (Karlheinz Bergmann), rebelliert gegen die Anmaßung der Kirche. Zusammen mit dem fortschrittlichen Adel wie Dietmar und Mechthild von Arnstein (Patricia Wagner, Mathias Ebert - beide sehr profiliert und ausdrucksstark) wissen sie: eine neue Zeit bricht an.

 

Premierenkritik von Wolfgang Schoberth am 10. Juni 2019

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