von Michael Bähr

Nicht nur für Kinderherzen

Hexe Szenenbild

"Die kleine Hexe" zieht auf der Naturbühne das Publikum in ihren Bann. Ein Ensemble von 28 Schauspielern weiß bei der Premiere zu begeistern. Die Botschaft kommt gut an.

Das ist etwas für die Kinderherzen und ganz ohne Frage natürlich auch für die der Erwachsenen. Der 1957 erschienene Klassiker von Otfried Preußler "Die kleine Hexe" kam bei den Besuchern der Premiere des Stücks am Freitagabend auf der Naturbühne Trebgast hervorragend an. Die von Rainer Streng liebevoll und kindgerecht umgesetzte Inszenierung wird im Laufe der Saison sicherlich noch über die Generationen hinweg begeistern.

Mit "Die kleine Hexe" ist Otfried Preußler ein Weltbestseller gelungen, der in 47 Sprachen übersetzt wurde und der zu einem der meistgespielten Stücke des Kindertheaters zählt. Auch die Naturbühne Trebgast hat ihn vor zwölf Jahren schon mal im Programm gehabt. Im Gegensatz zu damals ging die Naturbühne dieses Mal mit einem Großaufgebot an den Start, denn dem Ensemble gehörten sage und schreibe 28 Schauspieler an, genau die Hälfte davon im Alter von acht bis 18 Jahren, die wiederum rund 35 Rollen verkörperten. Der Jüngste war dabei Philip Dößel, der in einer kleinen Rolle einen Schneemann darstellte. "Schuld" am Riesenensemble war nach eigener Aussage Naturbühnen-Vorsitzender Siegfried Küspert, der, wie er gestand, einfach nicht Nein sagen konnte, wenn ein Kind fragte, ob es mitwirken darf.

Die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: die kleine Hexe (Sabrina Schmitt) will trotz ihres jungen Alters von erst 127 Jahren bei der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg mitfeiern. Die Hexe Muhme Rumpumpel (Georgia Lauterbach) verrät sie und beharrt auch darauf, dass sie bestraft wird. Der kleinen Hexe wird der Besen entzogen, ansonsten bekommt sie von der Oberhexe (Marion Regnet) die Chance, bei der nächsten Walpurgisnacht dabei sein zu können, vorausgesetzt, sie hat bis dahin bewiesen, eine "gute Hexe" zu sein. Diese Vorgabe versteht die kleine Hexe nun vollkommen falsch, denn bei den Hexen bedeutet, eine "gute Hexe" sein, in Wirklichkeit eine "böse Hexe" zu sein. Mit der Unterstützung ihres Raben Abraxas (Peter Molnar) macht sich sie daran, möglichst viele gute Taten zu tun. Auch an den zweiten Auftrag der Oberhexe, das Hexenbuch "von vorne bis hinten und von hinten bis vorne" auswendig zu lernen, macht sie sich fleißig heran.

So hilft sie den armen Holzweibern gegen einen streng nach Vorschriften handelnden Förster (Georg Küfner), der es ihnen nicht erlaubt, im Wald Holz und Essbares zu sammeln. Ein Blumenmädchen (Emma Keßler), das nichts verkauft, verdient von einem Moment auf den anderen eine Menge Geld, weil seine Papierblumen plötzlich wunderbar riechen und jeder eine haben will. Ganz nebenbei werden die Blumen nicht weniger und es kann für das Wohlergeben seiner Familie sorgen.

Widder Dahaam Szenenbild

Böse Kinder bekommen eine Lektion verabreicht, wenn ein Schneemann mit seinem Besen plötzlich den Hintern versohlt und sie schreiend von dannen rennen. Den hartnäckigen Schnupfen, den sich eine Maroni-Verkäuferin (Franziska Bordfeldt) im harten Winter zugezogen hat, ist sie genauso schnell los wie ihre kalten Füße. Sonderapplaus noch vor seinem Auftritt bekommt Siegfried Küspert: Der langjährige Trebgaster Bürgermeister spielt im Stück einen Bürgermeister, der ein Schützenfest eröffnet. Bei einem Schießen ist der Ochse Korbinian der Hauptpreis, der anschließend geschlachtet und verspeist werden soll. Dank der kleinen Hexe treffen die sichersten Schützen die Scheibe nicht. Als einziger trifft Thomas (Franziska Bordfeldt), der seinen Lieblingsochsen natürlich nicht schlachten lässt. Ein böses Erwachen gibt es am Schluss bei der nächsten Walpurgisnacht, als die kleine Hexe erfährt, dass sie als "gute Hexe" alles verkehrt gemacht hat. Weil sie aber ihr Hexenbuch im Gegensatz zu allen bösen Hexen in- und auswendig kann, hält sie für die versammelte Hexenschar eine böse Überraschung bereit.

Das Stück ist eine kurzweilige und amüsante Unterhaltung für groß und klein, in dem Sabrina Schmitt die kleine Hexe wunderbar sympathisch und schauspielerisch exzellent darstellt, ein junges Mädchen - gut, mit 127 Jahren vielleicht nicht mehr ganz so jung - spielt, das seinen eigenen Weg geht, seine Vorstellungen umsetzt und sich dabei auch von den "Älteren" nicht klein kriegen lässt . An ihrer Seite Peter Molnar als Rabe Abraxas, der immer eine freche, spitze Bemerkung auf den Lippen, besser gesagt, auf dem Schnabel hat. Eine klasse Leistung liefert auch Georgia Lauterbach ab, die als Muhme Rumpumpel quasi das personifizierte Böse darstellt, in ihrer Bosheit, Bösartigkeit förmlich aufgeht. Als Oberhexe überzeugt Marion Regnet, die einerseits kraft ihres Amtes natürlich ein boshaftes Wesen an den Tag legen muss, die sich andererseits aber auch durch ihren Sinn für Gerechtigkeit auszeichnet und die garstige Muhme Rumpumpel ein ums andere Mal in die Schranken weist.

Das Bühnenbild ist schlicht gehalten, beinhaltet mit Steinen a la Stonehenge eine gewisse Mystik, einen faszinierenden Mythos, der andererseits eine überraschende Pragmatik beherbergt, indem sich die Steine ausklappen lassen und sich auf diese Weise in einer Szene in Marktbuden verwandeln.

Die Einfachheit der Bühne lässt auch Platz für die eigene Phantasie, deren Ausleben gerade für Kinder wichtig ist. Gerade in der heutigen Ellbogengesellschaft hält das Stück aber auch die Botschaft bereit, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch mal anderen Gutes zu tun, auch wenn das die Erwachsenen - die bösen Hexen - ganz anders sehen.

 

Premierenkritik von Rainer Unger am 28. Mai 2018 in der Frankenpost.

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