von Moritz Weinmann

Pippi, aktueller denn je

Dr. Jekyll Szenenbild

Eine fröhlich-beschwingte Revue: Die Naturbühne Trebgast zeigt "Pippi in Taka-Tuka-Land" mit völlig neuen Aspekten.

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf ist ein Mädchen, das nicht nur die herkömmliche Rollenerwartung an Mädchen nicht erfüllt, sondern auch überkommene Regeln der Erwachsenenwelt einfach übergeht. In seiner Begrüßung zur Premiere des Kinderstücks "Pippi im Taka-Tuka-Land" am Freitagabend auf dem Wehlitzer Berg wies Michael Bähr, Vorstandsmitglied der Trebgaster Naturbühne, auf eine aktuelle schwedische Schwester der literarischen Pippi hin: Greta Thunberg, die 16-jährige Umwelt- und Klimaaktivistin, die die Eloquenz der Erwachsenen und deren Trägheit im Tun kritisiert und damit eine weltweite politische Jugendwegung ausgelöst hat. Astrid Lindgren hat vor 75 Jahren deren literarische Urgroßmutter geschaffen, die Raik Knorscheidt (Regie) in einer fröhlichen und beschwingten Revue in aktualisierten Szenen mit Musik auf die Trebgaster Bühne gebracht hat.

Pippi (Franziska Bordfeldt) treibt mit ihren Freunden Annika (Sophia Weinmann) und Tommy (Elena Helmrich) ihre Späße in der bekannten "Villa Kunterbunt". Auf die hat es ein Immobilienspekulant (Rüdiger Zenkner) abgesehen, der aber von der Polizei (Michael Vogler) verhaftet wird. Eines Tages erscheint nun Pippis Vater "Käptn Langstrumpf" (abermals Michael Vogler) zu Besuch, um Pippi mit auf die Taka-Tuka-Insel zu nehmen, auf der er als König regiert. Pippi besteht allerdings darauf, dass ihre besten Freunde mitgehen dürfen. Trotz der Hinweise der Bedenken tragenden Frauen Prysselius (Sonja Hottung) und Granberg (Dr. Anna-Lena Bollinger) auf die Schulpflicht der Kinder, erlauben die Eltern (Georgia Lauterbach und abermals Rüdiger Zenkner) dennoch die Reise während der Schulzeit, was Vater Settergren mit "Gesundheit ist wichtiger als Unterricht" im Sinne der aktuellen "Fridays for future"-Bewegung begründet.

Und so segeln sie nun alle in die Südsee, um es sich dort gutgehen zu lassen und gemeinsam Abenteuer zu erleben, bis sie schließlich doch das Heimweh packt und sie schließlich wieder nach Hause in ihre eigene Welt zur Villa Kunterbunt zurückwollen, wo sie schließlich von allen Freunden im Dorf mit einem fröhlichen Fest begrüßt werden.

Widder Dahaam Szenenbild

Raik Knorscheidt hat aus der Kindergeschichte aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ganz dezent, aber konsequent ein aktuelles Stück gemacht, das sich in der Umkehr von Astrid Lindgren in weiten Teilen an Erwachsene wendet, ohne dabei den kindlichen Inhalt der Geschichte zu eliminieren. Pippi, Annika und Thommy treiben ihre kindlichen Späße wie eh und je. Allerdings inszeniert er die Erwachsenen-Rollen nicht streng mahnend, sondern lässt "die Großen" die andere Sicht der "Kleinen" verstehen - ihr vielmehr sogar zustimmen, wenn die Kinder ihre eigene Welt, besser,ihre Zukunft anders und besser bauen wollen.

Es sind die subtilen Bemerkungen, die nicht dem Originaltext folgen, die aus dem Kinderstück ein aktuelles Stück kritisches Theater machen. Ohne dabei explizit mit dem Finger auf etwas zu zeigen oder gar mit eindeutigen und deutlichen Worten die aktuelle Weltsituation zu erklären.

Widder Dahaam Szenenbild

Die Aufführung auf dem Wehlitzer Berg ist eine gelungene Ensembleleistung. Insbesondere deshalb, da die Kinderrollen auch von Kindern beziehungsweise nur von jungen Leuten gespielt werden. Die Requisiten und der Bühnenbau sind witzig. Die lange Szene in der Höhle über dem Meer im zweiten Teil ist mit farbigen Lichteffekten ganz fantastisch inszeniert.

In weiteren Rollen spielen Diana Bettge-Luthardt, Andreas Kießling, Romana Hofmann, Miriam Dößel, Leni Erlmann, Mia Ermann, Fynn Hottun, Klara Holzheu und eine Schar Kinder mit bewundernswerter schauspielerischer Disziplin.

 

Premierenkritik von Klaus Klaschka am 26. Mai 2019.

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