von Moritz Weinmann

Trebgaster Ensemble wirft tiefen Blick in "zwei Welten"

Auf der Naturbühne Trebgast hat die neue Saison begonnen. Das Ensemble meistert Shaws"Pygmalion" ganz hinreißend.

Mit "Pygmalion" eröffnete die Naturbühne Trebgast am Freitagabend die neue Saison. Das Schauspiel hatte bei der Erstaufführung 1913 einen Skandal ausgelöst; gut hundert Jahre später auf dem Wehlitzer Berg war es immer wieder spontaner Szenenapplaus.

Fränkisch derb

Widder Dahaam Szenenbild

Für die damaligen Verhältnisse verwendete George Bernhard Shaw geradezu exzessiv Schimpfwörter wie "bloody" ("verdammt"). Heute wirkt dies, besonders in der Adaption des englischen Textes ins Fränkische, allerdings anheimelnd liebenswürdig. Dank Anika Ködel als Eliza Doolittle und Joachim Böhm als ihr Vater, die ihre Rollen in den Grenzen zwischen Volkstheater und Drama ganz hinreißend spielen.

Die feine Gesellschaft war damals empfindlich - so kurz vor dem Umsturz des aristokratischen Systems auf dem Kontinent. Im gleichen Jahr zertrümmerte sie die Bestuhlung der Pariser Oper nach der völlig neuen Musik von Igor Strawinsky. Aber 1925 erhielt Shaw dann den Nobelpreis für Literatur "für sein sowohl von Idealismus als auch von Humanität getragenes Schaffen, in dem sich frische Satire oft mit einer eigenartigen poetischen Schönheit vereint".

Und 1939 gab es sogar den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. "Pygmalion" ist die Vorlage für "My fair Lady", das bislang am meisten aufgeführte Musical der Musikgeschichte. Wie bei dessen Rezeption geht es in diesem Stück um Brüche: Professor Higgings, Sprachforscher aus gutem Hause, möchte das Blumenmädchen Eliza aus armen Verhältnissen zu einer Dame der Gesellschaft wandeln, indem er ihre Sprache und Sprechweise ändert. Das gelingt ihm binnen eines halben Jahres.

Getue der feinen Gesellschaft

Widder Dahaam Szenenbild

Eliza kann dann Konversationen über völlig periphere Ereignisse führen und beherrscht das ehrerbietige Getue der feinen Gesellschaft. Professor Higgins ist (von sich) begeistert und verliebt sich in das starke Geschöpf, das er erschaffen hat. So wie der zyprische König Pygmalion beim griechischen Dichter Ovid, der sein von ihm geschaffenes lebloses Kunstwerk liebt. Dabei erkennt Higgings allerdings nicht, dass er damit die eigentliche Eliza so verändert hat, dass sie weder in ihrem vorherigen Leben weiter machen noch in einem neuen Leben Fuss fassen kann. Sie kann seine "Liebe" nicht erwiderm und verlässt ihn.

George Bernard Shaw hat in diesem Stück einiges an Autobiografie eingebaut: Seinen alkoholabhängigen Vater (als Alfred Doolittle) und seinen eigenen Lebensweg vom soziophoben Sohn eines erfolglosen irischen Vaters zum anerkannten Dramatiker, Politiker, Satiriker, Musikkritiker, Pazifisten und Begründer des Diskussionsdrama, dessen Helden als Träger bestimmter Ideologien aufeinandertreffen - wie zum Beispiel in "Pygmalion".

Das Ensemble

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Die Trebgaster Theatertruppe stellt diese "zwei Welten" ganz hinreißend dar: Martin Besold überzeugt als Professor Higgins ebenso wie Christine Kammerer als dessen Mutter. Mitwirkende waren des Weiteren Melanie Eheim, Tobias Seuß, Ilona Konrad, Franziska Ramschütz, Jakob Kammerer, Nikolas Gremer und in einer stillen Rolle Anna Plewe.

Im Gegensatz zu Anika Ködel, die sich als Blumenmädchen Eliza mal grobschlächtig verbal durchsetzt und durchs Publikum brozzelt, um sich dann als "feine Dame der Gesellschaft" den gesellschaftlichen Formalitäten völlig anzupassen. Wie auch Joachim Böhm, der sich als Elizas Vater zunächst volkstümlich und in breitem Fränkisch Geld zum Versaufen erschleicht, um schließlich als vornehmer Vortragsreisender bezüglich Moral für seine Begriffe Unsummen zu verdienen.

 

Premierenkritik von Klaus Klaschka am 19. Mai 2019.

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