von Michael Bähr

Was tut man nicht alles für eine Milliarde

Klassisches Theater auf der Naturbühne: Die Trebgaster Akteure brillieren in dem Stück "Der Besuch der alten Dame".

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Unerbittlich, unnachgiebig, unbarmherzig! Claire Zachanassian aus Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" verkörpert die Rolle des personifizierten Racheengels, deren Auftauchen einen dunklen, unheilbringenden Schatten über ihren Heimatort Güllen legt, in den sie nach 45 Jahren zurückgekommen ist. Dort fordert sie den Tod eines Menschen, des beliebtesten noch dazu.

Doch schon bald verwischen die Konturen zwischen Gut und Böse, wenn der Beobachter erfährt, weswegen die steinreiche alte Frau zurückgekehrt ist. Sie will den Tod des Mannes, der einst ihr Leben zerstörte. Mit Hilfe ihres unermesslichen Reichtums will sie sich von den Einwohnern das kaufen, was für sie Gerechtigkeit darstellt. Und schon bald regiert ihr Geld den Ort.

Mit einer grandiosen Darbietung und mit Christine Kammerer in der Hauptrolle glänzten die Akteure der Naturbühne Trebgast bei der Premiere des Stücks am Freitagabend und sorgten nochmals für einen Höhepunkt unter den diesjährigen Stücken. Die gut 400 Besucher belohnten die herausragende Leistung mit minutenlangen Standing Ovations.

Güllen war einst ein bedeutender Ort, in dem auch schon Goethe übernachtete, ist mittlerweile aber längst bankrott, ohne jeden Hoffnungsschimmer. Plötzlich aber taucht ein Silberstreif am Horizont auf namens Claire Zachanassian, die aus dem Ort stammt und die es, dank mehrerer Ehen, zur mehrfachen Milliardärin geschafft hat. Sie kehrt nach 45 Jahren zurück. Die ganze Bevölkerung hat sich am Bahnhof versammelt, um die Heilsbringerin zu empfangen. Die alte Dame, gespielt von Christine Kammerer, entsteigt auch bald mitsamt ihrem Gefolge dem Zug. Ihre Jugendliebe von einst, Alfred Ill (Werner Eberhart), hat bald ein vertrautes Gespräch mit ihr. Sie unterhalten sich über früher, als er sie "Zauberhexchen" und "Wildkätzchen" nannte. Sie besuchen die Orte, wo einst ihre Leidenschaft brannte. Die Bewohner sehen beide in trauter Gemeinsamkeit.

Der Bürgermeister (Rainer Dohlus) frohlockt: "Ill hat sie im Sack !" Er ist sich sicher, der beliebteste Bürger der Stadt, zudem sein Nachfolger in spe, wird Millionen aus ihr schröpfen. Für eine kurze Zeit ist heile Welt in Güllen, erst recht, als die Frau 500 Millionen für den Ort und weitere 500 Millionen den Einwohnern verspricht. "Ich lasse das Städtchen meiner Jugend nicht im Stich", verkündet sie unter dem Beifall der Bewohner.

Doch bald wird klar, die Frau ist in körperlicher wie auch in seelischer Hinsicht ein Krüppel. Nach einem Flugzeugabsturz kroch sie als einzige lebend aus den Trümmern, wenngleich mehr tot als lebend. Ihr Körper wird nur noch von Prothesen zusammengehalten und auch ihre Seele scheint ein einziges Trümmerfeld. Das wird klar, als der Bürgermeister bei einer Zusammenkunft im "Goldenen Apostel", in dem die Milliardärin logiert, ein Loblied auf sie anstimmt und sich erinnern will, dass sie schon als Kind für ihren Sinn für Wohltätigkeit und Gerechtigkeit auffiel. Barsch wird er unterbrochen, erfährt er wie die anderen, dass sie tatsächlich Gerechtigkeit will: Den Tod von Alfred Ill im Gegenzug für die Milliarde. Der hat sie vor 45 Jahren geschwängert, danach zwei Freunde bestochen, die vor Gericht angaben, sie hätten mit ihr geschlafen. Entehrt und gedemütigt hatte sie den Ort ihrer Kindheit verlassen, ihr Kind starb kurz nach der Geburt, sie landete im Bordell, bis die Heirat mit einem Milliardär den Wendepunkt in ihrem Leben einleitete.

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Um den Ernst ihrer Forderung zu verdeutlichen, hat sie die beiden bestochenen Zeugen von damals mitgebracht: Koby und Loby, die sie hat suchen, kastrieren und blenden lassen. Christian Doser und Reinhard Frank spielen die Rollen mit unglaublicher Authentizität: Auch wenn sie zumeist im Hintergrund herumstehen müssen, vergessen sie nicht, weiterhin durchgehend die beiden Blinden zu verkörpern.

Auch wenn die Bewohner des Ortes das unmoralische Angebot zunächst empört ablehnen, haben sie keine Chance gegen die beiden Trümpfe, die Claire Zachanassian in der Hand hält: Sie hat alles Geld und alle Zeit der Welt. Und während sie auf ihrer Terrasse im "Goldenen Apostel" Kaffee trinkt und teure Zigarren raucht, gibt es im Ort eine Veränderung. Die Leute kaufen auf Pump, warten darauf, dass früher oder später einer oder eine Alfred Ill töten wird. Der stellt bald fest: Er ist bereits zum Tode verurteilt. Seine Versuche, Hilfe zu finden, scheitern. Der Polizist (Annette Neukam) sieht keinen Aufruf zum Mord, dafür ist die Summe zu hoch und deswegen kann er nicht ernst gemeint sein. Der Arzt (Melanie Eheim) bedauert nur die arme Frau Zachanassian. Der Pfarrer (Horst Thor) rät Alfred III: "Flieh. Führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst !" Der Lehrer (Benedikt Lehmann) erkennt: "Ill, was sind wir für Menschen. Die schändliche Milliarde brennt in unseren Herzen. Die Versuchung ist zu groß, die Armut zu bitter."

Der Bürgermeister bringt Alfred Ill gar eine Pistole vorbei, gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, was er damit tun soll - schließlich kann er, nach all dem, was er dem armen Mädchen einst angetan hat, nicht erwarten, dass sich auch noch ein Bürger Güllens die Hände wegen ihm schmutzig macht. Großartig spielt Werner Eberhart seine Rolle, seine Verwandlung vom erhofften Messias und geschätzten Bürger, der sich der Solidarität seiner Mitmenschen sicher sein kann, zum Paria, zum Judas, der das frühere "Clairchen" verraten hat. Nach Jahrzehnten erkennt er durch die besonderen Umstände seine Schuld, wird zu einem Menschen ohne Hoffnung, ergibt er sich in sein Schicksal, das er als verdient erachtet.

Christine Kammerer gibt in souveräner Weise die Erbarmungslose, die Gnadenlose, die in stoischer, unerschütterlicher Gelassenheit und Ruhe agiert. Sie weiß, dass sie letztlich Erfolg haben wird. "Ich kenne die Welt, weil sie mir gehört", erklärt sie. Und während sie zusieht, wie die Bürger sich zu den Bütteln des Geldes, zu ihren Lakaien machen lassen, was der Lehrer noch in selbstverlogener Weise mit "Es geht nicht um Wohlstand und Luxus, sondern um Gerechtigkeit" entschuldigt, ist sie wohl die Einzige, der es wirklich um Gerechtigkeit geht - auch wenn ihre Sicht, wie diese umzusetzen ist, etwas verschroben ist. Aber sie kann es sich dank ihres Geldes eben leisten.

Wenn Naturbühnen-Vorsitzender Siegfried Küspert zu Beginn meinte, es sei der Anspruch seines Teams, auch klassisches Theater auf die Bühne zu bringen, um zu zeigen, was die Schauspieler können, dann muss man dazu feststellen, dieser Anspruch ist mehr als gerechtfertigt. Alle Schauspieler - neben den erwähnten agierten noch Martin Besold, David Brand, Hilde Volkmann, Miriam Glück und Paula Kammerer in Nebenrollen - haben unter der glänzenden Regie von Jasmin Sarah Zamani ihre Sache exzellent gemacht. Die baute einige witzige Einfälle mit ins Stück ein, wenn für eine Waldszene einige Schauspieler als Bäume oder als Specht agieren und vorher auch noch ankündigen, dass sie jetzt eben Bäume sind. Die jeweils eingespielte Musik, "Money" von Pink Floyd beispielsweise, ist treffend gewählt und passt wie die Faust aufs Auge.

Die Leute hinter den Kulissen haben ihre Sache ebenfalls klasse gemacht, von Maske über Technik und Requisite bis hin zu Bühnenbau, -bild und -malerei. Vor allem eine kleine Anspielung an Quentin Tarantinos Meisterwerk "Kill Bill" mittels eines, auch noch von der Schreibe ähnlich ausgeführten Schriftzugs "Kill Ill" an dessen Geschäft ist ein gelungener Gag. Und vor allem stellen die Kostüme, für die Sigrid Seehuber verantwortlich zeichnet, insbesondere die diversen Roben für die Milliardärin, eine Augenweide dar. Ein Besuch einer alten Dame, dem bei den nächsten Terminen hoffentlich noch viele Besucher beiwohnen.

Rainer Unger am 19. Juni in der Frankenpost

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