von Michael Bähr

Wem hilft Dr. Jekylls „Wunderdroge“?

Letzte Premiere der diesjährigen Spielzeit auf der Naturbühne

Dr. Jekyll Szenenbild

Endspurt auf der Naturbühne – zumindest, was die diesjährigen Premieren betrifft: Am morgigen Freitag, 8. Juni um 20.30 Uhr geben sich auf der Naturbühne „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ die – unter geltender moralischer Auffassung eher ziemlich verwerfliche - Ehre.

Eine Person, aber zwei Charaktere, die in sich nicht verschiedener sein könnten. Wer gedacht hatte, nach Hexenzauberei und Räubertumulten ist die Grenze des Bösen auf dem Wehlitzer Berg bereits überschritten, der muss sich eines Besseren belehren lassen und sollte sich Robert Louis Stevensons Schauer-Novelle nicht entgehen lassen. Denn in den düsteren Gassen des viktorianischen Londons Ende des 19., anfangs des 20. Jahrhunderts geht es nicht weniger turbulent und mörderisch zu. Den zweiten Klassiker der Weltliteratur, der dieses Jahr auf der Trebgaster Bühne gespielt wird, würde man heute als Psychothriller bezeichnen.

Für die verschiedenen Handlungsorte bietet die Naturbühne eine realistische Kulisse. Da ist auf der einen Seite das vornehme West End. Da gibt es aber auch die nebligen und schmutzigen Gassen in den Londoner Slums, die ein idealer Schauplatz für das plötzliche Auf- und Abtauchen eines Monsters sind, das im den Jahren 1900 und 1901 für vier 4 Kapitalverbrechen, davon zwei Morde, verantwortlich ist. Und zwar in der Gegend, die bereits einige Zeit vorher für Schlagzeilen in der Presse sorgte, als dort 1888 ein Unbekannter durch seine brutalen Morde an Prostituierten zum bekanntesten Serienmörder der Geschichte wurde. Die Medien verpassten ihm den Namen „Jack the Ripper“ und entfachten damals einen weltweiten Rummel um ihn.

Regisseur Raik Knorscheidt war schon in jungen Jahren von diesem 1886 erschienenen Werk Stevensons sehr angetan. Später interessierten ihn dann die gesellschaftlichen Zusammenhänge im viktorianischen Zeitalter und die verborgenen Mechanismen, welche Menschen zum Handeln drängen. Er will die Zuschauer mit seiner Inszenierung den inneren Kampf spüren lassen, den Dr. Jekyll im Laufe des Stückes durchmacht. „Im Umfeld der Bühne haben mir meine Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem letzten Jahr, als ich das Kinderstück ‚Peter Pan‘ inszenieren durfte, dieses Mal schon etwas geholfen“, beschreibt er sein zweites Engagement in Trebgast. „Das engagierte Ensemble hat mich dabei sehr unterstützt.“

Das wohl berühmteste Doppelleben der Literaturgeschichte fasziniert nach wie vor tausende von Lesern. Es ist der Kampf eines Mannes, der, in die Jahre gekommen, mehr und mehr der Wissenschaft zuwendet. Dabei versucht er, in die Schöpfung einzugreifen, denn er möchte das Böse im Menschen eliminieren. Dem angesehenen Arzt gelingt eine „bewusstseinserweiternde“ Droge. Als er sie einmal konsumiert, kennt er keine Skrupel mehr. Aus dem tagsüber angenehmen, höflichen und zurückhaltendem, geachteten Mitglied der Gesellschaft wird nach Anbruch der Dunkelheit ein ungehobelter, brutaler Kerl namens Edward Hyde. Das kommt im Stück durch eine gewisse körperliche Gewalt zum Ausdruck, denn Mr. Hyde schreckt dann auch selbst vor Mord nicht zurück. Die Gefühle seiner Opfer interessieren ihn dabei nicht. Im Gegenteil: Es scheint, als ob ihm seine bösen Taten sogar noch zu einem Lustgewinn verhelfen würden. Das hat natürlich auch Folgen. Allein Mr. Utterson, der mit detektivischem Spürsinn ausgestattete Anwalt Jekylls, genießt noch das Vertrauen des sich immer mehr verändernden Freundes. Den menschenfreundlichen Arzt Dr. Lanyon hingegen stoßen die wissenschaftliche Abgebrühtheit und das immer seltsamere Verhalten von Jekyll ab. Können beide den alten Freund noch retten?

Die Zuschauer dürfen einen unterhaltsamen Abend erwarten, mit schönen Kostümen, mit vielen Szenenwechseln, gekennzeichnet durch Musikeinspielungen, und mit allem, was ein guter Psychothriller braucht. In drei Worten zusammengefasst: Ein schauriges Vergnügen.

 06.06.2018, Dieter Hübner

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