von Michael Bähr

Wenn die Kacke am Dampfen ist

Schlammschlacht

Am Freitagabend hat die "Schlammschlacht" auf der Naturbühne Premiere gefeiert. Die Inszenierung zeigt, wie modernes Volkstheater funktioniert.

Trebgast - Volksmusik. Die Darsteller besiedeln die Bühne. Jochen Böhm als Bürgermeister Karl Weisskopf begrüßt per Handschlag den echten Trebgaster Bürgermeister Werner Diersch. "Die Schlammschlacht" startet. Premiere am Freitagabend auf der Naturbühne.

Baubegehung des Bauausschusses in Rüsseldorf. "Die Kapazität der alten Kläranlage ist erschöpft", sagt Bürgermeister Weisskopf. Er möchte seinen Gemeinderat davon überzeugen, eine neue Kläranlage zu bauen. Die Schauspieler tragen allesamt Gummistiefel - nur die Eigentümerin der Wiese nicht, auf der die Anlage gebaut werden soll: Frau Lottes, die Tochter des früheren Bürgermeisters, hat Stöckelschuhe an. Noch spitzer als ihr Schuhwerk ist ihre Zunge, wenn sie Weisskopf im Vergleich mit ihrem Vater schlecht aussehen lässt, indem sie ihn überschwänglich lobt: "Des wor a Bergermaster. So an Bergermaster krieng mer nimmer." Die meisten Dialoge der Figuren sind geprägt von Provokation, Habsucht und Missgunst. "Die Schlammschlacht" bleibt aber immer eine Komödie.

In Rüsseldorf regiert der Egoismus: Beim Vorantreiben des Projekts Kläranlage hat der Bürgermeister vor allem sein eigenes Wohl im Sinn. Die Betreiberfirma "Oben und unten" lässt einen neuen Dienstwagen springen, wenn das Gemeindeoberhaupt den Bau der Anlage ermöglicht. Die Ratsmitglieder sind nicht weniger eigennützig. Das nutzt Weisskopf aus. Er zieht nach und nach die anderen auf seine Seite, etwa seinen dümmlichen Schwiegersohn Helmut, der die Putenfarm Reitmeier betreibt. Helmut lässt regelmäßig die Abwässer seines Betriebes ins Dorf ab. Eine neue Kläranlage könnte die Umweltverschmutzung da etwas besser verschleiern.

Weisskopf verspricht Gaststättenbesitzer und Feuerwehrchef Michel, gespielt von Georg Küfner, einen neuen Rettungsschneider, insofern Michel dem Bau der Kläranlage zustimmt. Weisskopfs Deals gehen auf. Als Sahnehäubchen lässt "Oben und unten" für bestimmte Gemeinderatsmitglieder einen Mallorca-Trip springen. Eine Hand wäscht die andere, selbst wenn's im dreckigen Klärwasser ist. Korruption, Vetternwirtschaft. Auch den weiblichen Figuren geht es nicht um politische Verantwortung. Die ehemalige Prostituierte und jetzige Solariumbetreiberin Conny Kowatsch träumt von einer pinkfarbenen Kläranlage und einem eigenen Wellnesshotel. Des Bürgermeisters Frau Rosy bandelt indes mit Michel an.

Einzig Joachim, Grüner, Spiele-Erfinder und Zugezogener, appelliert an die ökologische Vernunft des Dorfes - vergebens. Die Kläranlage wird gebaut. Im Laufe des Stücks kommen sich Joachim und Ulli, Lehrerin und Rosys Schwester, näher - wohl die einzige Beziehung im Stück, die auf echtem Vertrauen basiert. Ulli ist es auch, die ihrem Schwager, Bürgermeister Weisskopf, mitteilt, dass seine Ehefrau Rosy eine Affäre hat. Es beginnt zu bröckeln.

Doch bevor die Kacke so richtig zu dampfen beginnt, tritt beim Rüsseldorfer Feuerwehrfest de Kölsche Star-Komikerin Anuschka Schmitz auf. Mit sexistischen und kalauerhaften Witzen versucht die lebensfrohe Rheinländerin erbarmungslos das steife oberfränkische Volk aufzulockern - ohne Erfolg. "Rüsseldorf? - Wo sind denn hier die Elefanten?" Schmitz alias Georgia Lauterbach mimt leidenschaftlich und überzeugend die schlechte Entertainerin, der keiner zuhört. Als scheinbarer Fremdkörper bricht sie das Stück auf. Die dreckigen Witze gesellen sich zum schmutzigen Schlamm. Schmitz ist die Schaumkrone der Klärsuppe.

Und die beginnt nach der Pause so richtig zu fließen. Ein zerrissener Turm der mittlerweile errichteten Kläranlage lässt die Bewohner des Dorfes im Schlamm versinken, der den Boden und die Luft der Gemeinde verpestet. "Oben und Unten" ist insolvent. Von einem Anwalt bekommt Bürgermeister Weisskopf mitgeteilt, dass sich seine Frau scheiden lassen will. Mit seinen Nerven am Ende steht er bis zum Hals in der Scheiße. Gemeinderat Joachim Opitz droht zudem Weisskopf wegen Bestechlichkeit anzuzeigen und fängt an, am Ast des Bürgermeisters zu sägen. Die Bevölkerung wendet sich langsam gegen ihn.

Nachdem Michel dem Bürgermeister die Ehefrau entrissen hat, schielt er nun auch noch auf das Amt von Weisskopf. Es kommt zu Neuwahlen - der Höhepunkt des Stücks: Anuschka Schmitz moderiert die Wahlsendung und interviewt die Bürgermeisterkandidaten Michel Holzmann und Karl Weisskopf auf dem Rathausbalkon. Die Zuschauer in Trebgast sehen auf der Bühne aber nicht den Rathausbalkon, sondern eine Leinwand, auf der in Public-Viewing-Manier die Dorfbewohner eine Übertragung vom Rathausbalkon verfolgen.

Der steht, für das Trebgaster Publikum sichtbar, neben dem Zuschauerraum. Von dort aus senden die Techniker der Naturbühne das Schauspiel von Schmitz, Holzmann und Weisskopf live. - Regisseur Rainer Streng erläutert den inszenatorischen Kniff: "Wir hätten die Sendung auch vorher aufnehmen können. Wir haben uns aber für die Live-Übertragung entschieden. Auf der Leinwand sehen die Zuschauer immer nur einen Ausschnitt. Daneben können sie aber auch die echten Reaktionen der Darsteller auf dem Rathausbalkon verfolgen. Dort sieht man Dinge, die man auf dem Bildschirm nicht sieht."

Zur Premiere ist sogar der Autor des Stückes, Fitzgerald Kusz, aus Nürnberg nach Oberfranken gekommen. "Mir hat die Inszenierung sehr gut gefallen. Der Regisseur und das Ensemble haben mit den Möglichkeiten einer Freiluftbühne das Stück authentisch inszeniert", sagt Kusz.

Auf der Bühnenleinwand verliest Putenfarmbetreiber Helmut Reitmeier alias Marcus Hentschel das Endergebnis der Wahl - zum Brüllen komisch. Ob Rüsseldorf einen neuen Bürgermeister bekommt, wird nicht verraten.

Eines ist aber gewiss: Die Schauspieler der Naturbühne präsentieren mit der "Schlammschlacht" ein satirisches Vergnügen. Durch den Schleier der Komik scheinen stets zwischenmenschliche Abgründe. Trotz aller Übertreibung wirken die Charaktere authentischer als die manch anderen Volksstückes.

 

Georg Jahreis in der Frankenpost am 29.05.2017

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