von Michael Bähr

Wenn Träume fliegen lernen

Peter Pan

"Peter Pan" spricht Herz und Hirn an. Kinder wie Erwachsene kommen auf ihre Kosten. Am Freitag war auf der Naturbühne Premiere dieses Stücks.

Sind Traum und Wirklichkeit Gegenteile? Es scheint so. Die Schauspieler haben am Freitagabend bei der Premiere von "Peter Pan" auf der Naturbühne Trebgast diesen Gegensatz hinterfragt.

Action. Ouvertüre: Alle schauen nach oben. Mit Gurten an Hüfte und Rücken befestigt schwebt Peter Pan alias Alexander Böhm entlang eines Drahtseils einige Meter über dem Publikum einmal quer durch den Zuschauerraum. Willkommen in der fantastischen Welt, in der nichts unmöglich ist. Wow.

Die Aufführung am Boden beginnt mit der Rahmenhandlung: Die Kinder Wendy, John und Michael Darling sind im Haus ihrer Eltern. Mr. Darling versucht vergeblich, seine Krawatte zu binden: "Sie lässt sich zwar um den Bettpfosten binden, aber nicht um meinen Hals", ruft er seiner Ehefrau zu. Eine gewöhnliche Familienszenerie? Nur auf den ersten Blick. Denn im Haus wohnt auch Nana, ein Hund. Und der arbeitet als Kindermädchen. - Verrückt? - Bei "Peter Pan" ganz normal.

Die Hauptfigur hat ihren Schatten verloren. - Geht nicht? Gibt's nicht. - Peter Pan hält ein schwarzes Etwas in der Hand. Mit seinem Speichel versucht Peter verzweifelt, den Schatten wieder an seinen Körper zu kleben. Doch er will einfach nicht halten. Wendy hilft Peter. Sie näht den Schatten wieder an. - Nur eine Szene, die verdeutlicht, wo sich der Zuschauer gerade befindet: In einer Traumwelt. Die ist für die Trebgaster Zuschauer aber jederzeit real.

Wendy, gespielt von Sabrina Schmitt, möchte Peter küssen. Allerdings weiß er nicht, was ein Kuss ist. Denn Peter Pan wird nie erwachsen und kann daher mit Sexualität nichts anfangen. Hier wird deutlich: "Peter Pan" hält auch Motive und Themen für Erwachsene bereit. - Wendys Zuneigung sieht Tinker Bell gar nicht gerne. Franziska Bordfeldt spielt die stumme Fee von Peter Pan mit voller Überzeugung. Tinker Bell spricht zwar nicht, kann aber trotzdem gut kommunizieren: mit Mimik, Gestik und natürlich mit ihren zahlreichen Schellen am Körper, die ordentlich klimpern. Das scheinbare Manko der Fee stört die anderen Figuren nicht. Gelebte Inklusion. Die fehlenden Worte macht Tinker Bell mit Feenstaub wett. Der ist es dann auch, der Wendy, John und Michael ins fantastische Neverland fliegen lässt, in eine andere Welt. Dort wird man niemals erwachsen. Neverland ist Peter Pans Zuhause, wo er gemeinsam mit vielen weiteren Kindern wohnt.

Peter Pan

Eigentlich könnte alles so schön sein. Wäre da nicht Pans Gegenspieler, Captain Hook. Michael Vogler mimt den Bösewicht, der nur noch eine Hand hat. Anstelle der fehlenden Hand trägt Hook einen silbernen Haken. Peter Pan hatte einst Hook die Hand abgeschlagen und sie in den Schlund eines Krokodils gesteckt. Der Captain hat daher nur eines im Sinn: Er will sich an Peter Pan rächen. Vor dem Krokodil hat Hook aber immer noch panische Angst. Denn: "Das Krokodil lechzt nach dem Rest von mir", sagt er zu seinem Adjutanten Smee (Peter Molnar). Der entgegnet Hook: "Ist das nicht ein Kompliment?" Vor allem Smee würzt das Stück fortwährend mit Humor.

Für den sorgt ebenso die witzige Sprache der Indianer, die mit Peter Pan und den Kindern in friedlicher Koexistenz leben. Eine Indianerin ist Tiger Lilly, gespielt von Elena Helmrich. Hook nimmt sie gefangen. Nachdem Peter Pan durch eine List Tiger Lilly befreit hat, will er mit ihr wegfliegen. Die Indianerin meint daraufhin zu Peter: "Tiger Lilly nicht kann fliegen. Nicht Federn genug."

Regisseur Raik Knorscheidt hebt in seiner Inszenierung wiederholt eine ernstere Facette des Stücks hervor: Als Wendy mit ihren Brüdern nach Neverland kommt, vereinnahmen alle Kinder, inklusive Peter Pan, Wendy als Mutter, die vor dem Zubettgehen Geschichten vorlesen und die Gute-Nacht-Medizin verabreichen soll. Wendy nimmt zunächst die Mutterrolle an und reift dadurch zunehmend in ihrer Persönlichkeit. Denn Wendy ist es, die nach einiger Zeit die Perspektive ihrer eigenen Eltern einnimmt. Die warten daheim sehnlichst auf ihre drei entflohenen Kinder. Wendy möchte auch deshalb wieder zurück nach Hause fliegen. Alle anderen Kinder wollen mit, bis auf einer: Peter Pan. Stur beschließt er: "Ich will nicht erwachsen werden. Mein Zuhause bleibt Neverland."

Als sich die Kinder gerade auf den Weg machen, werden sie von Hooks Schergen entführt. Wie die Geschichte weitergeht? Ein Besuch auf der Naturbühne bringt Aufschluss. Was die Premiere angeht, sei nur so viel verraten: Die Darsteller spielen auch bei Regen, Blitz und Donner munter weiter. Nach der Pause gewitterte es nämlich ordentlich am Wehlitzer Berg. "Ich fand den Regen lustig", sagt Mia Erlmann nach dem Stück, die bei der Premiere das erste Mal Naturbühnenluft geschnuppert hat. Ein bisschen aufgeregt sei sie gewesen. "Aber als es dann losging, war die Nervosität verflogen", bestätigt die neunjährige Hutschdorferin. Sie spielt eines der Kinder in Neverland.

Weitaus erfahrener ist der Hauptdarsteller Alexander Böhm, der im Stück mehrmals waghalsig am Drahtseil entlang meterhoch über die Zuschauer hinwegfegt. "Tom Gremer von der Bergwacht Kulmbach hat mich gut eingewiesen und trainiert", sagt Böhm. Schwierig sei es gewesen, in eine waagerechte Haltung zu kommen. "Es soll ja schließlich wie Fliegen aussehen." Böhm lobt die Arbeit der vielen Techniker, die bei dem Stunt mitwirken. "Ich habe dabei den leichtesten Job", sagt der 23-Jährige Thurnauer. Begeistert habe ihn die Atmosphäre bei den Proben: "Ich spiele das erste Mal im Kinderstück mit. Vor der Probearbeit dachte ich: Das könnte chaotisch werden mit den vielen Kindern. Das Gegenteil war der Fall. Die Kinder haben uns mit ihrer Begeisterung mitgezogen und Energie gegeben", erläutert Böhm.

"Komik, Spannung, Liebe." Mit diesen drei Worten beschreibt Regisseur Raik Knorscheidt seine Inszenierung. Für ihn ist "Peter Pan" aufgrund seiner zahlreichen Deutungsebenen viel mehr als ein Kinderstück. "Ich würde es als Familienstück bezeichnen", sagt der Regisseur. Er habe die Figur Peter Pans im Vergleich zur Originalfassung von James Matthew Barry aus dem Jahr 1904 etwas "entschärft." "Teilweise gefühlskalt und grausam" wirke die Hauptfigur im Ausgangstext, sagt Knorscheidt.

Der Trechetzer Peter Pan ist definitiv eine positive Figur, der die kleinen und großen Zuschauer am Ende nochmals zum Staunen bringt. Staunen entsteht gerade dort, wo sich Traum und Wirklichkeit begegnen. Beides gehört zum Menschsein. Oder um es mit den Worten des österreichischen Komponisten und Sängers Georg Kreisler zu sagen: "Träume sind nicht Schäume, sind nicht Schall und Rauch, sondern unser Leben so wie wache Stunden auch."

Georg Jahreis am 12. Juni in der Frankenpost

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